Wien

Meilenstein heimischer Medizin



Ernst Wolner leitet die Universitätsklinik für Herz-Thoraxchirurgie in Wien

Ernst Wolner über Österreichs erste geglückte Herzverpflanzung

Am 12. 10. 1983 verpflanzte Prof. Raimund Margreiter in Innsbruck zum ersten Mal in Österreich einem Unteroffizier des Bundesheeres ein fremdes Herz. Er bediente sich dabei einer mehr als zehn Jahre vorher von Christiaan Barnard beschriebenen Technik, indem er das kranke Herz im Körper beließ und parallel zu diesem Herzen ein gesundes Herz zur Unterstützung des Kreislaufes einpflanzte („Huckepack-Technik“).

Obwohl die erste Herztransplantation Barnards zu dieser Zeit schon fast 16 Jahre zurücklag, so hat diese Leistung damals zu Recht die Öffentlichkeit und auch uns in Wien bewegt. Es war nämlich zu dieser Zeit gar nicht so einfach, Patienten zu finden, die bereit waren, das Risiko einer Herzverpflanzung auf sich zu nehmen. Insbesondere dann, wenn man, wie das heute die übliche Methode ist, das kranke Herz aus dem Körper entfernen und an gleicher Stelle ein gesundes gespendetes Herz einsetzen wollte.

Tatsächlich hatte diese erste erfolgreiche Transplantation auch für uns in Wien den positiven Nebeneffekt, dass nun plötzlich von den Internisten Patienten identifiziert wurden, bei welchen eine so genannte „orthotope Herztransplantation“, also Entfernung des kranken Herzens und Einpflanzen des gesunden Herzens an gleicher Stelle, anstatt der Huckepack- Technik durchgeführt werden konnte, was wir auch wenige Wochen später in Wien in die Praxis umgesetzt hatten.

Warum war die erste Herztransplantation durch Margreiter in Österreich zu dieser Zeit ein so herausragendes Ereignis, obwohl Barnard dies schon 1967 durchgeführt hat?

Tatsächlich waren die Transplantationen, die in den 70er-Jahren durchgeführt wurden, mit Ausnahme der Ergebnisse in Kapstadt und durch den eigentlichen Pionier der Herztransplantation in Stanford / Kalifornien, Shumway, ein einziges Desaster. Stellvertretend dafür kann das Titelblatt von Newsweek Anfang der 70er- Jahre gesehen werden, wie der zu dieser Zeit wohl berühmteste Herzchirurg Amerikas, Denton A. Cooley, auf einem Friedhof inmitten von 15 Gräbern steht, wobei essichausschließlichumdieersten15von ihm herztransplantierten Patienten gehandelt hat, welche alle an Abstoßung und Infektion gestorben waren.

Tatsächlich war bis Anfang der 80er- Jahre die Herztransplantation wegen der nicht beherrschbaren Organabstoßung Jahre die Herztransplantation wegen der nicht beherrschbaren Organabstoßung wieder aus den Operationssälen verschwunden. Dies änderte sich erst, als Anfang der 80er-Jahre der Schweizer Pharmakonzern Sandoz ein neues Medikament, Cyclosporin, auf den Markt brachte, welches offensichtlich besser als alles bisher da Gewesene im Stande war, die Abstoßung zu verhindern. Interessanterweise war es auch schon in der Vor- Cyclosporin-Ära möglich, Nieren und Leber, nicht jedoch Herzen, mit recht guten Ergebnissen zu verpflanzen.

Tatsächlich hatte sich Margreiter schon deutlich früher mit einem sehr erfolgreichen Lebertransplantations-Programm in Innsbruck einen überregionalen Ruf geschaffen. Aber erst durch das Cyclosporin war es möglich, mit guten Ergebnissen Herzen und später auch Lungen zu verpflanzen. So war es nicht verwunderlich, dass mit der Einführung dieses Medikamentes Anfang der 80er-Jahre an vielen Stellen mit der Herztransplantation neu und zum Teil wieder begonnen wurde und sehr rasch steigende Fallzahlen und eine größere Erfahrung gewonnen wurde. Wurden zwischen 1975 und 1980 pro Jahr weltweit etwa 30 Herzen verpflanzt, so waren es 1985 schon mehr als 2000.

Trotzdem darf die Leistung des Innsbrucker Teams nicht unterschätzt werden. Es war zu dieser Zeit überhaupt nicht klar, wie der für eine erfolgreiche Herztransplantation ideal geeignete Empfänger, aber auch der ideale Spender definiert werden soll. Es war unklar, welche Form der Nachbehandlung die besten Langzeitergebnisse bringt, aber auch, wie man das sensible Thema der Organspende der Bevölkerung nahe bringt, wofür sich Margreiter besonders engagiert hat.

Tatsächlich besteht in Österreich im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Der Bevölkerung eine sehr positive Grundstimmung zur Organspende und zur Transplantationsmedizin, wozu Margreiter mit seinem Einsatz für diese Sache wesentlich beigetragen hat. Ich halte seinen Einsatz, für diese Art der Medizin in der Öffentlichkeit ein positives Bewusstsein zu schaffen, wahrscheinlich als noch wichtiger als seine hervorragenden medizinischen Leistungen als Transplantations- Chirurg.

Als Ergebnis dieser Bemühungen, welche sich natürlich nicht nur auf Innsbruck beschränkt haben, bleibt die Tatsache bestehen, dass die Organspende in Österreich pro Million Einwohner etwa doppelt so hoch ist als in Deutschland und den meisten europäischen Ländern, weil einfach die Bereitschaft und Akzeptanz in Österreichs Bevölkerung größer ist. Die Herz-, aber auch die Lungentransplantation ist heute medizinische Routine geworden. In Österreich sind im Laufe der letzten 20 Jahre bei etwa 1500 Menschen Herz- und bei 600 Menschen Lungentransplantationen durchgeführt worden, davon allein am Wiener AKH etwa 1000 Herz- und 500 Lungentransplanlationen. Auch hat sich die ursprünglich von Margreiter angewendete „Huckepack-Technik“ nicht durchgesetzt und ist heute fast ausschließlich von der orthotopen Technik ersetzt.

Trotzdem stellt die erste Herztransplantation in Österreich durch Margreiter einen Meilenstein in der österreichischen Medizin dar. Margreiter hat sich damit sicher einen ebenbürtigen Platz in der Reihe großer Innsbrucker Chirurgen erkämpft und ist dadurch weit über den lokalen Rahmen bekannt geworden.