Wien

Ein politisches Erdbeben



Helmut Zilk, Lehrer, SPÖ-Politiker, war 1955–1974 Rundfunk- und TV-Journalist

Helmut Zink über die Affäre Olah und dessen Ausschluss aus der SPÖ

„Ausschluss Olahs“ schlagzeilte der KURIERam4.November1964. Ein politisches Erdbeben, die größte Krise, die die SPÖ jemals erlebte. Der vormalige Präsident des ÖGB und Innenminister der Republik Österreich, Franz Olah, war auf Antrag des SPÖ-Vorsitzenden Bruno Pittermann vom Vorstand der SPÖ aus der Partei ausgeschlossen worden.

Der 4. November hat natürlich eine Vorgeschichte – das Erdbeben hat sich kurz, aber heftig bereits zu Beginn dieses Jahres angekündigt. Die Gründe und Hintergründe für Olahs Ausschluss lagen sowohl im sachlichen wie auch im persönlichen Bereich. In der SPÖ – damals in der undankbaren Rolle des Zweiten in einer großen Koalition – hatten sich einzelne Persönlichkeiten positioniert, die jeweils über eine nicht geringe Anhängerschaft verfügten, einander aber nicht gerade „grün“ waren. Bruno Pittermann an der Parteispitze. Franz Olah als verdienter Gewerkschaftsfunktionär – er war maßgeblich an der Niederschlagung des versuchten kommunistischen Putsches von 1950 beteiligt. Und Christian Broda, der den Kriegswirren als Chef der Zivilverwaltung des Innviertels entstiegen war und als Justizpolitiker Profil gewann.

Um die Energie, die hinter den Spannungen zwischen diesen Spitzenleuten der SPÖ steckte, besser zu verstehen, muss man auch wissen: Während Broda für seine politische Einstellung während der NS-Zeit 30 Tage inhaftiert war und Pittermann 3 Monate im Gefängnis verbrachte, hatte Olah mehr als 8Jahre in den Kerkern des Ständestaates und des NS-Regimes zugebracht.

Die Machtfrage stellte sich immer deutlicher. Pittermann und Broda wollten Olah entmachten. Interessanterweise hatte Bruno Kreisky, der Nachfolger Pittermanns als Parteichef, immer ein gutes Verhältnis zu Franz Olah. Er hat sich in die Querelen nicht eingemischt. Die Auseinandersetzung innerhalb der SPÖ wurde erbittert und unter Missachtung jeglicher Schamgrenzen geführt. Man war nicht zimperlich in der Wahl der Waffen.

Ausgebrochen war die Olah-Krise am 28. Jänner des Jahres 1964. Das Land befand sich in fiebriger Erwartung der Olympischen Winterspiele in Innsbruck, die am 29. Jänner begannen. Der amtierende Innenminister Franz Olah rief mich, den kleinen Fernsehmitarbeiter, an und bat mich, ins Ministerium zu kommen. Wir kannten einander von früheren Interviews. Man muss wissen, dass nahezu alle Führungskräfte des damals noch recht Kleinen ORF sich an dem Tag in Innsbruck befanden: Dr. Gerhard Freund, der Fernsehdirektor, genauso Josef Dörflinger, verantwortlich für Sport und Information. Wir „Jungen“ hatten also recht freie Hand.

Im Innenministerium wartete schon ein Redakteur der „Arbeiterzeitung“, der spätere Chefredakteur der„Neuen Zeit“ in Graz, Josef Riedler. Hektik im Ministerium, Türen gehen auf und zu, Olah bittet uns in sein Arbeitszimmer. „Ich zeig euch jetzt was. Etwas Ungeheuerliches, etwas, das einer Demokratie unwürdig ist“, begann er. Er stand auf, ging zu einem Wandschrank, griff einen Stapel Akten Und brachte ihn zum Tisch. Wir erkannten recht schnell, dass es sich um staatspolizeiliche Geheimakten handelt.

Spitzelakten, mit einem Wort. Über den Wiener Bürgermeister Franz Jonas. Tratschgeschichten. Über den Bürgermeister von Linz, Edmund Aigner. Über den früheren Innenminister Oskar Helmer. Über Ex-Innenminister Josef Afritsch. Ihm unterstellte man, gegen Geld Reisepässe auszustellen. Über einen Abt, Prälat Jakob Fried, und seine privaten Beziehungen. Über die Katholische Pressezentrale. Über den amtierenden Innenminister Franz Olah. Über den Schwiegersohn des Bundeskanzlers Alfons Gorbach.

Man muss sich vorstellen, die dem Innenminister unterstellte Staatspolizei bespitzelte die eigenen Minister! „Wos moch ma damit?“, fragte Olah.

Ich, ein relativ junger, ehrgeiziger Mitarbeiter des jungen Mediums Fernsehens, sagte: „Wir machen heute Abend ein Interview in der Zeit im Bild.“ – „Wenn wir dass heute machen, morgen beginnen die Olympischen Spiele, wird das keine Zeitung schreiben“, gab Olah zu bedenken. Olahs Befürchtung ging ins Leere: Der KURIER, wie fast alle österreichischen Tageszeitungen, machte daraus den Blattaufmacher.

Ich konnte damals nicht in vollem Ausmaß wissen, welche innenpolitische Detonation dieses Interview auslösen würde. Sofort danach unterstellten seine parteiinternen Widersacher Olah Machtgelüste. Zeitungen schlossen sich an. Man hat nicht kommentiert, dass er als amtierender Minister den ungeheuren Mut hatte, diese Schweinereien aufzudecken. Aufzudecken, dass nicht Kriminelle oder ausländische Spione, sondern die Spitzender Republik von der Staatspolizei bespitzelt wurden. Man nahm ihm das Bemühen um Aufdeckung nicht ab, sondern unterstellte ihm, dies sei nur ein Vehikel, um die Macht in der SPÖ zu übernehmen. Der Kampf gegen Olah gipfelte am 4. November mit dem Parteiausschluss.

Acht Jahre später, wieder gab es Olympische Winterspiele. In Sapporo in Japan. Karl Schranz war nicht zum Start zugelassen, nun befand er sich auf dem Weg vom Wiener Flughafen zum Ballhausplatz. Tausende Wiener säumten die Straßen, „Triumphzug“ eines tragischen Helden. ORF-General Gerd Bacher hatte damals die anderen TV-Anstalten zum Boykott der Winterspiele aufgerufen. Und meinen ORF-Dienstwagen für die Abholung von Karl Schwanz requiriert: Das Auto war das Einzige im Rundfunk mit Schiebedach. In der Dachluke meines Wagens stand Schwanz und winkte den Wienern zu.

In meiner gesunden Skepsis gegenüber Triumphzügen zog ich es vor, bei dem Ereignis nicht dabei zu sein. Ich hatte Einen Termin beim von mir sehr geschätzten Nationalrats-Präsidenten, dem Sozialdemokraten Otto Probst. Wir sprachen über dies und das, ehe Probst, mit spitzem Finger auf mich weisend, sagte: „Du warst schuld an der tiefen Krise der SPÖ mit deinem Interview. Daran ist nicht zu rütteln.“ Er verwechselte in diesem Moment Wirkung und Ursache, keine Frage.

Aber zeitgeschichtliche Bedeutung hatte Olafs denkwürdiger Auftritt im Fernsehen am Vorabend der Olympischen Spiele In Innsbruck allemal.