Wien

I. - Im Schatten des Staates



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Waren die Motive für die Gründung der Agenturen Reuters, Havas und Wolff kommerzieller- oder bei der Associated Press zumindest kostensparender - Natur, spielten im Gegensatz dazu bei der Gründung der österreichischen Agentur politische Erwägungen die Hauptrolle.

Die "Österreichische Correspondenz" (Bild: Meldungen der Österr. Correspondenz) Meldung der Österreichischen Correspondenzwurde ein Jahr nach der Revolution in Österreich 1849 als gegenrevolutionäres Instrument ins Leben gerufen. Obgleich als privates Unternehmen gegründet, sollte die Agentur durch Nachrichtenausgabe an offizielle und offiziöse Zeitungen der Regierung als zentrales Sprachrohr dienen.

Nach einer "Panne" bei der Berichterstattung zum österreichisch-italienischen Krieg von 1859, beschloss der Ministerrat in Wien, den telegraphischen Nachrichtenverkehr künftig strenger zu kontrollieren und das nationale Korrespondenzbureau in die Hände des Staates zu legen. 1860 übernahm deshalb das "k. k. Telegraphen-Korrespondenz-Bureau" die Agenden der "Österreichischen Correspondenz", 1922 wurde die österreichische Agentur in "Amtliche Nachrichtenstelle" (ANA) umbenannt und 1938 vom nationalsozialistischen "Deutschen Nachrichten Büro" (DNB) abgelöst.

Auch nach dem Ende des zweiten Weltkriegs blieb die wiedereingerichtete ANA noch im Schatten des Staates. Erst 1946 brach man mit der langen staatlichen Tradition: die "Austria Presse Agentur" (APA) wurde als vom Staat unabhängige private Genossenschaft der österreichischen Tageszeitungen gegründet.

I.1. - Das k. k. Telegraphen- Korrespondenz-Bureau





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Josef Wilhelm Freiherr von Dewéz, 1. Leiter des k. k. Telegraphen- Korrespondenz-BureausMit der Begründung, dass der derzeitige Stand des europäischen Zeitungswesens, es "zur unabweislichen Nothwendigkeit" mache, "die 'telegrafische Correspondenz' in die Hände der Staatsverwaltung zu legen", wird 1860 "zum Behufe der Empfangnahme, Auswahl und Hinausgabe der in das Central-Telegrafenamt einlangenden politischen Telegramme an Minister, Zeitungsredactionen und Abonnenten bei der Telegrafendirektion ein 'Telegrafisches Correspondenzbureau' errichtet". Am 1. Jänner 1860 übernahm das k. k. Telegraphen- Korrespondenz-Bureau die Aufgabe des telegraphischen Nachrichtenvertriebs.

Das Korr.-Bureau war die erste staatliche Nachrichtenagentur der Welt und stand in der Zuständigkeit des Finanzministers. Nach und nach wurden die internationalen Beziehungen verstärkt und schließlich auch institutionalisiert: 1869 wird der erste Vertrag zum gegenseitigen Austausch von Nachrichten zwischen dem Korr.-Bureau und den beiden Agenturen Havas und Reuters abgeschlossen.

TelegrammeDiese beiden Agenturen teilten sich gemeinsam mit dem deutschen "Woff'schen Bureau" seit 1870 im sogenannten Kartellvertrag die Welt in Einflussgebiete auf, in denen sie exklusiv Nachrichten sammelten und verbreiteten. Mit den jeweiligen nationalen Agenturen wurden separate Vereinbarungen getroffen.

Das Korr. Bureau hatte als Agentur der Monarchie eine Sonderstellung: Das österreichische Staatsgebiet inklusive den Kronländern mit den Filialen des Korr.-Bureaus, blieb exklusiv dem Korr.-Bureau vorbehalten. Die Kartellverträge blieben bis 1934 aufrecht. Doch die Bedingungen änderten sich radikal nach der Unterbrechung der Vertragsbeziehungen durch den ersten Weltkrieg, als das Korr.-Bureau auf den Status einer nationalen Agentur reduziert wurde.

I.1.1. - Der Kartellvertrag

KartellvertragTerritoriale Zuständigkeiten: Wolff´sches Büro: norddeutscher Raum (abgesehen von Hamburg, das sich Reuters weiterhin vorbehielt), süddeutsche Staaten, Schweden, Norwegen und Dänemark sowie St. Petersburg und Moskau; Reuters: das britische Empire und Holland samt den Kolonien, Havas: Spanien, Italien und Portugal.

Für Gebiete, in denen beide, Reuters und Havas, engagiert waren, wie Belgien, die Türkei und Ägypten, wird eine britisch-französische Zusammenarbeit vereinbart. Mit den nationalen Agenturen in den jeweiligen Gebieten sollten die drei internationalen Agenturen exklusive Verträge für den Nachrichtenaustausch aushandeln. Auf dieser Grundlage teilten sie sich die Welt in drei Einflusssphären auf, die sie nachhaltig prägten.

I.2. - Die Amtliche Nachrichtenstelle ANA

Edmund WeberNach dem ersten Weltkrieg ging die Monarchie in die Brüche; das Korr.-Bureau wird auf den Status einer kleinen nationalen Agentur reduziert. Die gewählte Regierung - eine Koalition aus Christlich-Sozialen und Sozialdemokraten - belässt das Nachrichtenbüro in staatlichen Händen.

Unter der darauf folgenden Regierung der Christlich-Sozialen und der Großdeutschen Partei wird das Korr.-Bureau 1922 in Amtliche Nachrichtenstelle umbenannt und der zwecks Zentralisierung geschaffenen obersten Medienbehörde, dem Bundespressedienst, unterstellt. Im Zuge des Ständestaates gerät sie zum Sprachrohr austrofaschistischer Ideen.

 



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I.3. - 1938-1945: Das DNB

Mit dem "Anschluss" Österreichs an NS-Deutschland wird die ANA aufgelöst und durch die Zweigstelle Wien des nationalsozialistischen Deutschen Nachrichtenbüros DNB ersetzt.

Das Personal der ANA leistet den Treueeid auf Hitler. Einzig jüdische MitarbeiterInnen sowie hohe Vertreter des Ständestaates verbleiben nicht im Dienste, sondern werden in Konzentrationslager gebracht.

Der Lokalredakteur der ANA, Herbert Scheuer, wird in Mali Trotzkinez ermordet. Das DNB strebt den Status einer Weltagentur an und agiert als Organ der NSDAP. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird das DNB aufgelassen und die ANA wieder eingerichtet - ihr Status ist wie gehabt, ein amtlicher.