Wien

Streiflichter aus der Geschichte der Modemacher



Das ehrbare Handwerk der Gewandmacher

Wer als erster zur Schere und Nadel gegriffen hat, um für sich oder andere Kleidungsstücke anzufertigen, das erzählt uns kein Geschichtsschreiber. Aber soviel ist sicher, daß schon in den frühesten Zeiten die Menschen das Bedürfnis hatten, ihren Körper vor den Unbilden der Witterung zu schützen; getrost darf demnach behauptet werden, daß die Herstellung der menschlichen Kleidung fast so alt ist, wie das Menschengeschlecht an sich. In den frühesten Zeiten hat es nun unter allen Völkern immer Menschen gegeben, die in der Anfertigung der Kleidung besonderes Geschick und einen besonderen Geschmack besaßen. Zu der Zeit jedoch, wo das Schneiderhandwerk bei den Kulturvölkern schon verhältnismäßig hoch entwickelt war, lag es bei unseren Vorfahren noch sehr im argen. Bis etwa um das Jahr 1.000 wurde noch alle Kleidung im Hause hergestellt.

Erst im 12. Jahrhundert erscheinen nach geschichtlichen Überlieferungen jene Schneider, die nach bestimmten Vorschriften und Regeln Lehrlinge heranbildeten, die man später als Knechte verwendete. (Erst im 14. Jahrhundert Gesellen!) In diesem Zeitabschnitt war das handwerk so weit herangereift, daß es sich zu “Zöchen”, Zünften und Innungen zusammenschloß. Der Beste von ihnen wurde zum Zöchmeister bestimmt. Wer einer solchen Vereinigung nicht angehörte, war genauso wie heute, ein Pfuscher!

Unter der Herrschaft Leopolds von Babenberg werden alle Handwerker zu freien Bürgern, denen man erhebliche Vorrechte einräumte; unter anderem das Tragen von Waffen, das bisher nur dem Adel, den Kaufleuten und den Gutsherren vorbehalten war. Die Gewandschneider zu Wien erhielten 1153 die landesfürstliche Bestätigung als eigene Zunft und durften den Titel “Meister” führen.

Bewerber des Meistertitels mußten verheiratet, von ehelicher Geburt, das Betragen ein einwandfreies, sittliches und religiöses sein. Die Anfertigung eines Meisterstückes mit Schnitt und Naht war vor vier geschworenen Meistern zu vollführen. Die älteste Erwähnung eines Schneiders finden wir in einem Original im Archiv der Stadt Wien, datiert vom 24. April 1303: “Friedrich der Minniganch, der Sneider, kauft eine Futtergrube am Hohen Markt”. Das älteste Privileg für die Wiener Schneiderinnung, gegeben vom Kaiser Albrecht II., ist datiert vom 23. August 1340.

1602 erscheint die erste Gewerbeordnung für die Zunft der Leibhosen- und Hofschneider. Sie besagt vor allem, daß die Gewandschneider nur Kleider anfertigen und in ihren Gewölben verkaufen, nicht aber Bestellungen nach Maß übernehmen dürfen. (Erste Vorläufer der Konfektion!)

Aus historischen Überlieferungen wissen wir, daß die Lehr- und Gesellenordnung aus dem Jahre 1752 sechs Wanderjahre für den Gesellen vorschrieb, bevor er Meister wurde. Drei Jahre davon mußte er bei einem, höchstens bei zwei Meistern verbringen; die übrige Zeit nützte er, um von Stadt zu Stadt zu wandern, um Erfahrungen zu sammeln. Schon damals war das ersehnte Ziel “London und Paris”. Aus vielen Städten brachte er sich die wertvollen Schnittpatronen mit, die später als Werkstättengeheimnis streng behütet wurden. Im Lauf der Zeit setzte man die Wanderjahre auf drei herab.

Zunftangelegenheiten, die an auswärtige Gesellen weitergegeben wurden, sowie das Nichteinhalten des generellen Versammlungsverbotes, oder jedes Politisieren, bestrafte man mit körperlicher Züchtigung. Außerdem waren Geld- oder Kerzenstrafen für das Versäumen der Sonntagsmesse oder der Fronleichnamsprozession vorgesehen. Oft waren diese Schneidergesellen sprachkundig und für die damalige Zeit weitgereiste Leute. Die Einschränkung der persönlichen Freiheit betraf nicht nur die Gesellen, sondern alle Mitglieder der Innung und vor allem die Innungsleiter. Zum Beispiel bekam ein Mitglied oder der Zunftmeister ein Schreiben von einer auswärtigen Innung, so war er verpflichtet, der staatlichen Aufsichtsbehörde davon Mitteilung zu machen; tat er es nicht, so bestrafte man ihn. Patent vom 17. August 1784.

1808 wird die Nähmaschine vom Schneidergesellen Josef Madersperger erfunden. Die Wiener Maßschneider standen dieser Nähmaschine sehr skeptisch gegenüber und schätzten ihre Handarbeit weitaus höher ein. In der Konfektion fand sie allmählich Verwendung. Nachdem sich zunächst ein Franzose für diese Erfindung interessierte, ging sie schließlich an zwei amerikanische Schneider über, Walter Hunt, 1834 und zwanzig Jahre später Elias Hover, 1854. Diese entwickelten das Modell weiter, bis es dann fabriksmäßig hergestellt wurde. Madersperger wurde im Armengrab bestattet.

Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zählte man in Wien ca. 2.000 Schneider; dennoch war im Jahre 1813 in Wien kein Schneider zu finden, es gab nur noch “Kleidermacher”.

Von einem fortschrittlichen Wiener Schneider namens Josef Fitzenthaler, der wirklich ein Meister seines Faches war, hören wir um 1820, daß er von der Schablonen- und Patronenmethode abkam und das erste Schnittsystem auf anatomischer und mathematischer Grundlage erdachte. So brachte er es zum ersten Fachlehrer der Wiener Handwerksgilde. Seine berühmte Werkstätte und Kleiderleihanstalt befand sich in der Dorotheergasse. Gleichzeitig betrieb er auch eine Abonnentenschneiderei, in der man die alten, aber nur von ihm hergestellten Kleider, abgeben und gegen neue eintauschen konnte. Der alte Anzug galt als Anzahlung für den neuen. Sein Schnittsystem, das auch in der 1816 erschienenen Wiener Modezeitung gebracht wurde, fand großen Anklang. Trotzdem konnten die Wiener nicht umhin, ihn auch zu bespötteln. So hieß man ihn gern “anatomischen Schneider” oder den “mathematischen Körperverschönerer”.

Unter einer Reihe von Nobelschneidern der Wiener Biedermeierzeit dürfte Josef Gunkel wohl der Größte gewesen sein. Auf seinem Palais am Graben prangte in großen Goldbuchstaben sein Name. Er beschäftigte ungefähr 80 bis 100 Leute, Meister und Gesellen. Seine ungeheure schöpferische Gestaltungsgabe gepaart mit Geschäftssinn machte ihn zu einem Begriff für ganz Europa.

Von den Damenschneidern dieser Zeit war Friedrich Bohlinger am Kohlmarkt neben Beer und Röhberg der Bekannteste: Er holte bereits zweimal im Jahr seine Informationen aus Paris ein. In den letzten Jahrzehnten des vergangenen führend. Sie waren die Schneider des Adels und des reichen Bürgertums. Der Schneider jener Zeit war Gewerbe- und Handelstreibender zugleich. Immer stellte er Stoffe und Zutaten zu seinen Erzeugnissen bei. Es galt als nicht vornehm, Stoffe zum Schneider zu bringen. Häufig war es aber üblich, Proben beim Kunden vorzunehmen.

In diesem Fall fuhr der Meister, wenn nicht im eigenen Zeugel, so doch im Fiaker vor. Zu diesem Zeitabschnitt gab es keine Schneiderinnen, das Gewerberecht war den Männern vorbehalten, man konnte aber doch nicht auf geschickte Frauenhände verzichten. Wochenlang nähten sie an Zierat und Firlefanz, echten Spitzenrüscherln, Falberln und Mascherln. Eine Werkstätte dürften sie aber niemals führen, geschweige denn, Lehrlinge ausbilden.

Im Jahre 1901 entschloß sich die Genossenschaft der Kleidermacher zur Ergänzung der Meisterlehre im städtischen Schulgebäude, Wien VII, Zieglergasse 49, eine fachliche Fortbildungsschule für Lehrlinge zu errichten. Das Fehlen einer Fachschule mit höherem Lehrziel machte sich immer mehr bemerkbar. Im Mai 1907 sah sich die Genossenschaft veranlaßt, eine zu errichten und stellte den damals ansehnlichen Betrag von 30.000 Kronen zur Verfügung. Im Februar 1908 wurde die Höhere Fachschule in Wien I, Johannesgasse 4, mit einem Stand von 45 Schülern eröffnet. Am 7. August 1912 erteilte man der Höheren Fachschule das Recht zur Abhaltung der Meisterprüfung. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges mußte die Höhere Schule ihre Pforten schließen, um sie erst wieder im Schuljahr 1921/1922 zu eröffnen. Die rasch anwachsende Schülerzahl machte bald eine Vergrößerung notwendig. Die Schule übersiedelte in die vom Bundesministerium für Handel und Verkehr zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten in das staatliche Gebäude, Wien IX, Michelbeuerngasse 6-8, wo sie bis heute als Höhere Bundeslehranstalt für Mode und Bekleidungstechnik erfolgreich besteht. Diese erfolgreiche Kammergründung war dann richtungsweisend für diverse weitere Schulgründungen dieser Art.

Alle Eintragungen über unser Innungshaus im Grundbuch des 1. Wiener Bezirkes sind beim Brand des Justizpalastes am 15. Juli 1927 verlorengegangen, so daß vom Entstehungsjahr 1750 bis 1938 bedauerlicherweise keine amtlichen Unterlagen vorliegen.

Nach jahrelanger Gewerbefreiheit sah man sich anfangs der zwanziger Jahre veranlaßt, daß Gewerberecht wieder an eine Meisterprüfung zu binden. Sie wurde am 30. April 1922 eingeführt. Nur wer die Meisterprüfung mit Erfolg abgelegt hat, ist berechtigt, Lehrlinge auszubilden. Obligatorisch, als Befähigungsnachweis eingeführt, wurde sie mit 1. Dezember 1934. Der 1. Weltkrieg ging auch an unserem Gewerbe nicht spurlos vorüber. Das Fortschreiten der Wirtschaftskrise und eine für unsere Jugend wahrscheinlich unvorstellbare Arbeitslosigkeit bracht für die Jahre 1934 bis 1938 das sogenannte “Untersagungsgesetz”. Damit sollte der Andrang von Arbeitslosen zur selbständigen Ausübung ihres Berufes unterbunden werden. Nur wenn ein Gewerbeschein zurückgelegt wurde, konnte man einen neuen erwerben. Die Folge war, ein schwunghafter Handel mit Gewerbescheinen. Genauso, wie man heute im Annoncenteil der Tageszeitung liest, “Rücktritt von einer Eigentumswohnung”, konnte man damals “Rücklegung eines Gewerbescheines” lesen.

Nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich und dem folgenden zweiten Weltkrieg gab es für das Gewerbe nur Gebote und Verbote. Kleider- und Nähmittelkarten wurden eingeführt. Soweit man überhaupt von einer Mode sprechen konnte, war diese militärisch beeinflußt; breit aufgelegte Schultern, Epauletten und Soldatentaschen. Die Devise war, aus alt mach neu, aus zwei mach drei! Oft waren monatelang Neuanfertigungen untersagt. Es durften nur Umarbeitungen und Reparaturen ausgeführt werden. Größere und Mittelbetriebe reparierten Soldaten- und Straßenbahneruniformen. Um auch die selbständig berufstätige Frau für die Kriegswirtschaft zu gewinnen, führte man für die im Berufe verbliebenen selbständigen Frauen die “Haushaltsbesteuerung” ein.

1945 brachte das Ende mit Schrecken, aber wenigstens einen neuen Anfang. Der Aufbau des gesamten Gewerbes wurde durch Besatzung und Demarkationslinie stark gehemmt. Erst der Staatsvertrag im Mai 1955 brachte Erleichterungen und Aufstieg. Am 15. Juni 1954 wurde der Name von Innung der Kleidermacher in Wien auf Landesinnung der Kleidermacher geändert und einverleibt.

Dieser Rückblick ist ein kleiner Ausschnitt aus der Entwicklungsgeschichte unseres Gewerbes. Schon er zeigt von einer großen und reichen Tradition, einer Tradition, die verpflichtend ist für uns und die Nachwelt.

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