Wien
    

Die Geige - Vollendung von Form und Klang

Waren die Vorläufer der Geige noch derb klingende Spielmannsinstrumente, fand zum Ende des 16. Jahrhunderts der Einzug ins höfische und klerikale Orchesterinstrumentarium statt.

Jakobus Stainer (1621-1683), der wohl berühmteste österreichische Geigenbauer, beeinflusste seit dem 17 Jahrhundert den europäischen und bis ins 18. Jh. den Wiener Geigenbau. Bekannte Wiener Geigenbau-Familien dieser Zeit deren Wurzeln in Füssen (D) liegen sind: Dallinger, Leidolf, Stadlmann, Thir und Posch.

Ende des 18. Jhs. wurden die Decken- und Bodenwölbungen der Instrumente zunehmend flacher hergestellt. So war zum Beispiel Andreas Karl Leeb einer der ersten Wiener Geigenbauer, der die flachere italienische Wölbung gebaut hat.

Mit bekannten Meistern, wie Franz Geissenhof, Nikolaus Sawitzki, Bernhard und Martin Stoß setzten sich in Wien endgültig die italienischen Modelle, die Einflüsse von Stradivari und Guarneri aufweisen, durch. So wird nicht zu Unrecht, Franz Geissenhof als Stradivari von Wien bezeichnet.

Danach veränderten sich die Instrumente nur geringfügig.
Bedingt durch größere klangliche Anforderungen im heutigen Musikleben wurden Hals und Bassbalken verändert, um eine größere Tonfülle, verbunden mit einer leichten Spielbarkeit, zu erreichen.

Genauso wie sich die Geige seit drei Jahrhunderten nur unwesentlich verändert hat, wird eine Meistergeige auch heute weitgehend mit den gleichen Arbeitstechniken und Werkzeugen hergestellt.
Die Seitenzeile, auch Zargen genannt, werden feucht über ein heißes Biegeeisen geformt und an sechs Innenklötze geleimt. Klötze und Begreifung halten die Zargen in ihrer endgültigen Form.

Die Wölbung und Stärke von Decke und Boden der Instrumente werden aus dem vollen Holzstück, zuerst mit Hohleisen, danach mit speziellen Wölbungshobeln herausgearbeitet. Mit Ziehklinge und Schleifpapier wird eine glatte Oberfläche erzielt. Die Decken – und Bodeneinlage, ein dreiteiliger Holzspan, schützt die Wölbung vor Rissen und dient gleichzeitig als Zierde. Mit der Laubsäge werden die so genannten F-Löcher in der Decke grob ausgesägt, dann mit dem Schnitzmesser, einem typischen Geigenbauer-Werkzeug, fertig geschnitten.

Der Bassbalken wird auf der Decken-Innenseite unterhalb des linken Stegfußes eingepasst. Letzterer fängt, wie sein Nachbar in der fertigen Geige, der Stimmstock, den Druck der Saiten auf. Die Schnecke, ein kleines Kunstwerk für sich, wird mit Bildhauereisen vollständig von Hand gestochen.

Heute wie damals wird die Geige aus erlesenen, gut abgelagerten Hölzern gebaut. Bei Boden, Zargen und Hals wird geflammter Ahorn, für Decke, Innenklötze, Bereifung, Bassbalken und Stimmstock wird Fichtenholz verwendet.
Griffbrett, Wirbel und Saitenhalter werden vorwiegend aus Ebenholz gefertigt.
Der Steg, ein wesentlicher Bestandteil der Geige für die Klangerzeugung, wird aus Ahorn geschnitten.

Beim Lackieren der Instrumente werden Naturharzlacke mit dem Pinsel aufgetragen. Allein, die Lackherstellung ist eine Wissenschaft für sich und ein sehr interessanter Bereich des Geigenbaus.
War die Besaitung der Instrumente in den Anfängen ausschließlich aus blankem Darm, so werden in der heutigen Zeit mit Silber und Aluminium umsponnene Darm-, Kunststoff- und Stahlseiten verwendet.

Da ein Meisterinstrument in reiner Handarbeit entsteht, werden zum Bau einer Geige zwischen 150 und 200 Arbeitsstunden benötigt. Um die klanglichen Möglichkeiten eines Instrumentes voll auszuschöpfen, sollte die Geige ausschließlich von einem Geigenbaumeister eingestellt werden. Auch Restaurierungen und Reparaturen können nur von diesem fachgerecht durchgeführt werden

Das Handwerk des Saiten-, Streich und Zupfinstrumentenerzeugers ist ein klassischer Lehrberuf. Nach 3jähriger Lehrzeit und mindestens 2-järiger Gesellenzeit kann die Meisterprüfung absolviert werden.
Aufgrund hoher handwerklicher und künstlerischer Tätigkeiten sowie dem Umgang mit wertvollen Instrumenten entsteht für Lehrmeister du Lehrling gleichermaßen eine große Herausforderung und Verantwortung bei der Ausbildung.
Die hohe Qualität der heimischen Meisterbetriebe beruht auf langjähriger Erfahrung und fundierter künstlerischer und handwerklicher Ausbildung, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Als erfreuliche Entwicklung ist in den letzten Jahren eine zunehmend Musizierfreude bei Alt und Jung zu verzeichnen, und so mancher Pensionist beginnt mit seinem Enkerl wieder das Geigenspiel.

Copyright: Landesinnung Wien der Musikinstrumentenerzeuger