Wien

Das Glaserhandwerk



Glaswerkstatt des Spätmittelalters
Copyright: Rudolf Stacherl

Die Entwicklung des Glaserhandwerks lässt sich bis zu den. Römern zurückverfolgen. Sie verwendeten schon ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. Glasscheiben zum Verschließen der Fensteröffnungen. Deshalb gehörte zum festen Bestand einer römischen Legion ein "Specularius", ein Fensterglasermeister. Die römischen Glasscheiben, die bis zu max. 70 x 100 cm groß waren, entsprachen unserem heutigen Rohglas. Sie ließen Licht hindurch, waren aber nicht durchsichtig.

Mit dem Beginn unserer abendländisch-christlichen Kultur griffen die Klöster nördlich der Alpen die Glaserzeugung auf. Zunächst wurden Kirchenfenster verglast. Älteste Zeugnisse davon datieren aus das Jahr 590 n. Chr.

Die Bezeichnung "Glaser" wird bereits in Chroniken aus dem 9. Jahrhundert erwähnt. So bezeichnete man hauptsächlich Mönche. die Glas herstellten, teilweise bemalten und selbst verarbeiteten. Der griechischen Priester Theophilus kam um 950 n. Chr. nach Köln in das Kloster St. Pantaleon und schrieb dort mehrere Bände unter dem Namen "diversarum artium schedula".

In diesen ersten Glaslehrbüchern standen viele Einzelheiten über die Glasherstellung, Glasverarbeitung und Anwendung in jener Zeit enthalten. Theophilus hat in seinem Buch festgehalten, dass der Glaser auch die Fensterrahmen selbst herstellte. Neben Werkzeugen und Handgriffen werden auch systematisch die verschiedenen Arbeitsabläufe beschrieben. Fast ein ganzes Jahrtausend hindurch wurden die in diesen Lehrbüchern angeführten Arbeitstechniken angewandt.



Zunftzeichen aus dem Miitelalter
Copyright: Rudolf Stacherl

In der Zeit der Gotik (12. - 15. Jahrhundert) erreichte die kunstvolle Glasverwendung ihren ersten Höhepunkt. Es entstanden lichtdurchflutete Hochchöre mit tausenden bunten, teilweise mit Schwarzlot bemalten Glasscheiben. Mit der Zunahme der Aufträge war es den Klosterhandwerkern nicht mehr möglich, alle Arbeiten auszuführen, und es bildete sich ein freier Handwerksstand.

Auch Frauen gab es damals im Glaserhandwerk. So wird 1472 eine Nonne, Mathilde Peine von Eisdorf, im Zisterzienserinnenkloster Osterode als geschickte Fenstermacherin gerühmt.

In der Zeit um die erste Jahrtausendwende begann langsam die Trennung zwischen Glasmachen und Glasverarbeiten.  Die Glasmacher siedelten mit Ihren Wanderglashütten in den waldreichen Gegenden. Die Glasverarbeiter waren hauptsächlich in den Städten anzutreffen.

Um das Jahr 1156 wird in Köln ein Otto fenestrator (=Fenstermacher) erwähnt. 1240 stellte ein Arnold von Köln die Glasgemälde für die Kathedrale von Lyon her. 1260 wird der "vitarius" (Glaser) Walther in Klosterneuburg erwähnt, dem der" vitarius" Eberhard nachfolgte. Beide waren Künstler, deren Fenster in der Capella speciosa 1291 durch Farbenpracht und Figurinen Aufsehen erregten.


Mit Ende des Mittelalters kommt es auch zur Trennung von Glasmalern und Glasern. Damit wurde es auch erforderlich, die Tätigkeitsgebiete der einzelnen Fachgruppen zu regeln.

In Wien wurden die Glaser gemeinsam mit den Malern 1410 in. der St. Lukas-Zeche erwähnt. Die St. Lukas-Zeche war eine der ältesten Zunftgemeinschaften, benannt nach ihrem Schutzpatron, dem Evangelisten Lukas. In der Zunftordnung wurden Glaser "welche gebranntes Glaswerk machen" (entspricht den heutigen Glasmalern) von Glasern, die einfache Glaserarbeiten durchführten (darunter fallen die "Bleiglaser") , unterschieden. Obwohl sich in manchen Zünften mehrere Kleingruppen von Handwerkern zusammenschlossen, waren die Glaser in diesen Gemeinschaften immer nur eine Minderheit.



Radierung aus 1698
Copyright: Rudolf Stacherl

Der Lehrlingsausbildung wurde auch damals schon große Bedeutung zugemessen. Die Lehrzeit schwankte zwischen zwei und sechs Jahren, be trug in der Regel jedoch drei Jahre. Der Lehrling musste an seinen Lehrherrn "Lehrgeld" entrichten. Um sein Wissen und Können zu erweitern, ging der Geselle im In- und Ausland auf Wanderschaft. Damit ein Geselle Meister werden konnte, musste er, neben dem Nachweis des Bürgerrechts, sein Können durch die Meister bestätigen lassen. Die Zunftordnung schrieb ein Meisterstück, bestehend aus 50 Butzenscheiben oder ein Bleifenster mit einer heraldischen Glasmalerei (Wappenmalerei), vor.
 
Im 16. Jahrhundert kam es zwischen Tischlern und Glasern zu Meinungsverschiedenheiten wegen der Herstellung der Fensterrahmen. Es erfolgte eine Trennung der Arbeitsgebiete in Glaser und Fensterrahmenbauer (Tischler). In Teilen Deutschlands ist heute noch der Beruf "Glaser und Fensterbauer" erhalten geblieben.

Im Jahre 1780 erschien die deutsche Übersetzung eines Lehrbuches für Glaser, der 14. Band des Sammelwerkes "Schauplatz der Künste und Handwerk", das der Franzose Peter LeVieil Jahre; zuvor verfasst hatte.
 

Darin wird das Verglasen von Fensterscheiben beschrieben: die Scheiben werden in Fälze eingesetzt, festgestiftelt, mit Papier abgedichtet und dies mit Ölfarbe zweimal überstrichen. Auch ein Rezept für einen Kitt ist festgehalten. Es wird betont, dass der Kitt aufgrund des höheren Preises nur für ausgesuchte Gläser verwendet wird. Weiters wird in diesem Buch auch auf den Spezialberuf des Bilderglasers hingewiesen, dem auch das Einsetzen der Kutschenscheiben oblag.
 
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich die Glaser in Genossenschaften, wie sich die Innungen damals nannten, zu organisieren. Durch den Bau von Fabriken und Wohnhäusern in den Städten stieg aufgrund des erhöhten Bedarfs die Zahl der Glaserbetriebe. In der Zeit des Jugendstils wurden von den Glasern künstlerische Höchstleistungen bei der Gestaltung von Tür- und Fensterverglasungen erbracht.

1870 gab es in Österreich-Ungarn 450 Betriebe zur Glaserzeugung (Glasfabriken), 1800 weiterverarbeitende Glasbetriebe wie Schleiferwerkstätten, Perlbläsereien, Gablonzer Verarbeitungsbetriebe (Herstellung von Christbaumschmuck und Glaskugeln) und 2800 Glaserbetriebe. Die Glasindustrie und das Glaserhandwerk beschäftigten damals fast 24 000 Personen, darunter auch 140,0 Kinder

Der Glaser transportierte seine Werkstoffe bis in die sechziger Jahre auf einer Buckelkraxe und mit dem Handwagen. Heute verwendet der Glaser Transportfahrzeuge mit Spezialaufbauten (Reffs) und zur Verglasung verschiedene technische Hilfsmittel.

Die Anforderungen an das Wissen und Können des Glasers haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Flachgläser finden als vielseitige Produkte Verwendung. Durch Veredelungsprozesse des Flachglases ergeben sich praktisch unbegrenzte Möglichkeiten der Anwendung.

Dadurch werden zusätzliche Kenntnisse in den Bereichen Wärmedämmung, Sonnenschutz, Solarenergie, Schallschutz, Brandschutz sowie Verletzungs- und Einbruchschutz erforderlich. Begleitend dazu bedarf es eines ausreichenden Wissens über die geeigneten Dichtstoffe sowie die Rahmenmaterialien, ihre Eigenschaften und ihre Behandlungsmöglichkeiten.
 
Dem heutigen Fachmann ist es nur durch ständige Weiterbildung (Lesen von Fachzeitschriften und Fachbüchern, Besuch von Fachkursen) möglich, seine Kenntnisse dem Stand der Technik anzugleichen.

 

Copyright: Das Glaserhandwerk - von Rudolf Stacherl