Wien

Allgemeine Informationen zur Ausstellung:



Foto: Plakat Supermodels des 16. Jahrhunderts; © ZVG Kunsthistorisches Museum Wien

Thema? Giambologna - Triumph des Körpers
Zentrum der Ausstellung stehen das ideale Menschenbild Giambolognas und seine Suche nach der vollendeten Pose. Anhand seiner Figuren von Göttern und Göttinnen, die anmutig dem Bade entsteigen, sich schwerelos in die Lüfte heben oder, wild ineinander verschlungen, sich mühelos zu immer kühneren zwei- oder dreifigurigen Kompositionen fügen, wird der Entwicklung seines unvergleichlich eleganten Figurenideals nachgespürt.

Wann? 27. Juni - 17. September 2006,
Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag 10 bis 18 Uhr Donnerstag 10 bis 21 Uhr (Münzkabinett schließt um 18 Uhr) Einlass ist jeweils bis eine halbe Stunde vor Schließzeit!

Wo? Kunsthistorisches Museum: 1010 Wien, Maria Theresien-Platz.

Tickets / Eintrittspreise:
Erwachsene EUR 10,— / Ermäßigt EUR 7,50 / Schüler EUR 3,50 / Familienkarte EUR 20,— / Wien-Karte EUR 9,— / Gruppen ab 10 Pers., p. P. EUR 7,— / Führungsbeitrag EUR 2,— / Schüler im Klassenverband ab 10 Pers., p. P. EUR 2,— / Gruppenkarte Studenten ab 10 Pers., p. P. EUR 5,— / Audio Guide in Deutsch, Englisch, Italienisch EUR 2,—
Die Preise beinhalten den Eintritt in die Sonderausstellung und die Sammlungen des Museums. Änderungen vorbehalten.

Telefonische Rückfragen: (+43 1) 525 24-0



GIAMBOLOGNA: Triumph des Körpers

Triumph des Körpers - Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums in Zusammenarbeit mit dem Museo Nazionale del Bargello, Florenz

Die Sommerausstellung 2006 des KHM widmet sich einem der bedeutendsten Bildhauer der europäischen Kunstgeschichte, dem Flamen Jean Boulogne (1529—1608), der am Hofe der Medici in Florenz als „Giambologna“ zu Weltruf gelangte. Dem Kunstsinn Kaiser Rudolfs II. ist es zu verdanken, dass das KHM einige der schönsten Meisterwerke von seiner Hand besitzt, — Giambologna könnte im übrigen, betrachtet man seinen Stellenwert innerhalb der Sammlung, auch als „Bruegel der Kunstkammer“ bezeichnet werden.

In Zusammenarbeit mit dem Florentiner Skulpturenmuseum, dem Museo Nazionale del Bargello, ist es nun gelungen, dreißig Jahre nach der letzten großen Schau 1978 eine Ausstellung mit zum Teil zuvor noch nie verliehenen Exponaten zu organisieren, die den wissenschaftlichen Fortschritt auf eindrucksvolle Weise dokumentiert, wobei so gut wie ausschließlich Spitzenwerke Giambolognas gezeigt werden. Zudem sind erstmals in Wien neben den Kleinbronzen auch großformatige Werke in Marmor und Bronze zu sehen. Im Zentrum der Ausstellung stehen das ideale Menschenbild Giambolognas und seine Suche nach der vollendeten Pose. Anhand seiner Figuren von Göttern und Göttinnen, die anmutig dem Bade entsteigen, sich schwerelos in die Lüfte heben oder, wild ineinander verschlungen, sich mühelos zu immer kühneren zwei- oder dreifigurigen Kompositionen fügen, wird der Entwicklung seines unvergleichlich eleganten Figurenideals nachgespürt. Nur wahres Genie konnte das übermächtige Vorbild Michelangelos, das die Florentiner Skulptur für ein halbes Jahrhundert so gut wie lahm gelegt hatte, überwinden und neu interpretieren.

Giambolognas Stil wurde bald prägend für ganz Europa und blieb bis weit in das 17. Jahrhundert vorherrschend. Seine Schöpfungen bilden bis heute begehrte Sammelobjekte und sind daher nicht nur in Museen, sondern ebenso in Privatsammlungen zu finden — mehrere private Leihgaben aus Europa und Übersee, die bisher in Österreich noch nie und an anderen Orten kaum öffentlich zu sehen waren, gelten als besondere Rarität und runden die Schau, die auch Wachs- und Terrakottamodelle umfasst, in besonderer Weise ab.

Zur Ausstellung erscheint ein wissenschaftlicher Katalog mit Beiträgen internationaler Experten sowie zahlreichen Abbildungen von bisher auf diesem Gebiet noch kaum erreichter Qualität, die einer eigenen Photokampagne für die Ausstellungen in Florenz und Wien zu verdanken sind.



Eine Auswahl der wichtigsten Objekte:

I. Die Suche nach der perfekten Pose — das schöne Geschlecht
II. Die Suche nach der perfekten Pose — das starke Geschlecht
III. Austauschbarkeit der Geschlechter
IV. Schwerelosigkeit
V. Verschränkte Leiber
 
 

I. Die Suche nach der perfekten Pose — das schöne Geschlecht:



Foto: Venus nach dem Bade Bronze 24,9 cm; © Wien, Kunsthistorisches Museum

Venus nach dem Bade:

Die Statuette entspricht dem Typus der so genannten
Cesarini-Venus, einer knapp unterlebensgroßen Marmorstatue, die Giambologna 1583 für Giangiorgio Cesarini ausführte und die sich heute in der Amerikanischen Botschaft in Rom befindet. Das Bemerkenswerte an der Komposition dieser Figur besteht darin, dass sie sowohl im kleinen als auch im sechsmal größeren Format perfekt „funktioniert“.

Die kleine Statuette entzückt durch die
Schärfe und Feinheit der Details und die sinnlich gerundeten Formen, während die Marmorstatue die elegante Pose ins Monumentale steigert, ohne dabei an Grazie zu verlieren. Wie bei einer ganzen Gruppe von weiblichen Figuren verwendet Giambologna auch hier den Vorgang des sich Abtrocknens als Vorwand für eine raffiniert in sich gedrehte Bewegung der Gestalt, die einzig dazu dienen soll, den weiblichen Körper in vollendeter Schönheit zu präsentieren.
 



Foto: Fata Morgana Weißer Carrara-Marmor, 99 cm, Privatbesitz, ZVG

Fata Morgana:

Eine ganz wesentliche Facette von Giambolognas Oeuvre kann in Ausstellungen nur schwer
dokumentiert werden — nämlich seine monumentalen Schöpfungen aus Marmor, von denen bisher in Wien auch noch keine zu sehen war. Dem dadurch leicht entstehenden, aber falschen Eindruck, der Bildhauer habe nur Kleinformatiges in Bronze geschaffen, soll mit dieser kostbaren Leihgabe aus Privatbesitz entgegengewirkt werden.

Die Statue zeigt zwar den Körper einer Frau nur bis zu den Oberschenkeln, ist aber in Lebensgröße gegeben. Ihre Fragmentierung ist beabsichtigt, denn die so genannte Fata Morgana stand ursprünglich in einem muschelförmigen Becken in einer Grotte und sollte — umsprüht von Wasserstrahlen — den Eindruck einer mystischen Erscheinung erwecken. Besagte Grotte befindet sich heute noch im Garten der Villa Il Riposo in Grassina bei Florenz. Diese Villa gehörte niemand Geringerem als Bernardo Vecchietti, dem ersten Förderer Giambolognas in Florenz, der den jungen Künstler durch diesen Auftrag zum Verbleib in Italien bewog. Die Skulptur wurde 1571/72 ausgeführt und von Vecchiettis Erben im 18. Jahrhundert nach England verkauft.



II. Die Suche nach der perfekten Pose — das starke Geschlecht



Foto: "Mars" Bronze, 39,6 cm © New York, Quentin Foundation

Modell "Mars":

Ein besonders erfolgreiches und oft reproduziertes Modell Giambolognas ist der so genannte Mars, ein nackter, bärtiger Mann mit einem Schwert in der Rechten, der dynamisch ausschreitet und dabei energisch den Kopf zur Seite wendet. Die Version der Quentin Foundation gilt allgemein als die beste des in über einem Dutzend Repliken bekannten Modells. Nicht nur die perfekt ausbalancierte Pose mit der charakteristischen Drehung der Figur ist typisch für Giambologna, sondern auch eine gewisse Unbekümmertheit in Bezug auf die Ikonographie: Mars hat lediglich ein Schwert (hier ohne Klinge) als Attribut, er könnte also auch einfach nur ein schreitender Krieger sein, wäre da nicht seine wahrhaft göttliche Gestalt. Giambologna ging es bei dieser Figur im Grunde nicht um die Darstellung eines bestimmten Sujets, sondern um eine gültige Formulierung zum Thema „heroischer männlicher Akt“. Mit seinem Mars gelang es ihm, dazu einen eigenständigen Typus zu entwickeln und dadurch erfolgreich das übermächtige Vorbild Michelangelos zu überwinden, der gerade auf diesem Gebiet durch Statuen wie den David oder die Skulpturen der Medicigräber so Großartiges geleistet hatte, dass die Florentiner Skulptur für ein halbes Jahrhundert so gut wie lahm gelegt war.
 



Foto: Herkules und der Erymanthische Eber Bronze, 43,9 cm; © Wien, Kunsthistorisches Museum

Herkules Statuen:

Im Jahre 1576 erhielt Giambologna von Herzog Francesco I. de’ Medici den Auftrag, eine
Reihe von kleinformatigen Herkules-Statuen zu modellieren, die im Laufe der nächsten zehn Jahre in Silber ausgeführt wurden. Diese berühmte Folge silberner Statuetten ist im Original verloren gegangen — wie so oft wurde ihnen ihr kostbares Material zum Verhängnis —, Giambolognas Modelle haben sich aber in verschiedenen Bronzefassungen erhalten. Diese Gruppe mit Herkules und dem Erymanthischen Eber und eine weitere im KHM befindliche (KK 5845: Herkules und Antäus) werden allgemein als die besten überlieferten Exemplare aller mit Giambologna in Verbindung zu bringenden Herkules-Bronzen anerkannt. Wie bei allen diesen Gruppen ist auch hier der Held in Aktion dargestellt. Er „posiert“ nicht — etwa wie ein Jäger mit der erlegten Beute, der sich stolz dem Beifall stellt —, sondern ist noch bei der Erledigung der Aufgabe gezeigt, also beim Tragen des naturalistisch gestalteten Ebers, den er lebend nach Mykene bringen soll. Wie bei den weiblichen Badenden dient die Aktion als Vorwand, um den männlichen Akt in möglichst interessanter Stellung zu zeigen. Durch eine perfekt ausgewogene Komposition werden dabei die physische Anstrengung und zugleich die elegante Bewältigung der Aufgabe überzeugend wiedergegeben. Der maskuline Grundtypus, den Giambologna für seinen Mars entwickelt hatte, wird hier wieder aufgegriffen, wobei die herkulischen Züge durch eine leicht veränderte Physiognomie und einen etwas gedrungeneren Körperbau entstehen.
 



III. Austauschbarkeit der Geschlechter:




Bild li: Bronze, vergoldet, 38,8 cm © Wien, Kunsthistorisches Museum
Bild re: Apollo Bronze, 88,5 cm © Florenz, Bargello

Venuus Urania und Apollo:

Ein charakteristisches Stilphänomen des Manierismus, der das Ambivalente, Unsichere,
Mehrdeutige liebt, ist die formale Annäherung der Geschlechter aneinander. Wie man im Vergleich sieht, wiederholt die Komposition des Apollo spiegelbildlich jene der Venus Urania, wobei Apollo nicht nur ein beinahe weibliches oder im Grunde geschlechtsloses Gesicht bekommt, sondern auch eine gewisse Austauschbarkeit der Körperformen feststellbar ist. Die Statue des Apollo entspricht somit mehr noch als die Wiener Venus einem Ideal des perfekt schönen Körpers, dessen harmonisches Aussehen durch keine allzu aufreizenden Geschlechtsmerkmale gestört wird. Bei beiden Figuren entsteht zudem durch die raffinierte, spiralförmige Drehung des Körpers eine Vielzahl von gleichwertigen Ansichten, sodass es unmöglich scheint, eine Hauptansicht festzulegen. Dieses Kompositionsprinzip entspricht ebenfalls einem der wichtigen Ideale der Zeit, nämlich jenem der so genannten figura serpentinata, die beide Bronzen in reinster Form verkörpern. Der Apollo wurde von Giambologna 1573/75 für das berühmte Studiolo von Francesco de’ Medici im Palazzo Vecchio geschaffen, wo er sich heute noch in situ befindet. Er ist dort bezeichnenderweise als einzige von acht Figuren, die alle in Wandnischen aufgestellt sind, auf einer zeitgenössischen, aus dem Jahre 1576 stammenden Drehscheibe montiert, damit man sich auch wirklich an seiner Allansichtigkeit erfreuen kann.



IV. Schwerelosigkeit



Foto: "Merkur" Bronze, 62,7 cm © Wien, Kunsthistorisches Museum

Der "Fliegende Merkur":

Eine eigene Sektion der Ausstellung widmet sich Giambolognas wohl berühmtester
Schöpfung, seinem Fliegenden Merkur. Um den erstmals für eine Ausstellung verliehenen, lebensgroßen Medici- Merkur des Bargello gruppieren sich alle wichtigen Fassungen dieser unvergleichlichen Komposition und laden zu direktem Vergleich ein. Die Stücke aus Bologna, Neapel, Dresden und Florenz dokumentieren, wie sich die Figur von einem laufenden zu einem wahrhaft fliegenden Gott wandelt. Durch subtile Details und eine stärkere Streckung der Figur wird dabei ein immer größeres Maß an scheinbarer Schwerelosigkeit erzeugt. In einer unerreicht gebliebenen tour de force lässt Giambologna seinen Merkur nur noch auf der Zehenspitze balancieren und erzielt so höchste Vollendung in einem prekären Zustand der Labilität.



V. Verschränkte Leiber



Foto: Herkules und Antäus, Bronze, 41 cm
© Wien, Kunsthistorisches Museum

Herkules und Antäus:

Das Modell für die Gruppe von
Herkules und Antäus lässt sich auf das Jahr 1577 datieren. Es handelt sich somit um Giambolognas früheste Lösung eines kompositionellen Problems, das ihn von nun an immer wieder beschäftigen wird:

die Gestaltung einer Gruppe, bei der
eine Figur die andere emporstemmt.

Durch dieses ineinander Verschränken von zwei in die
Höhe strebenden Figuren entsteht zudem eine noch interessantere Art der Allansichtigkeit, als dies bei einer einzelnen figura serpentinata möglich ist . Giambologna entwickelt dieses Konzept in seinen zwei- und dreifigurigen Raptusgruppen zu immer eleganteren Lösungen, bei denen die anmutig ineinander verschlungenen Figuren zu einer Pose von vollendeter Grazie verschmelzen.

 



Bild: "Raptusgruppe" Bronze, 89,2 cm
© Wien, Kunsthistorisches Museum

Die Raptusgruppe:

Das wie die meisten Bronzen Giambolognas des KHM aus der Kunstkammer Rudolfs II.
stammende Werk stellt die Vorstufe zu jener berühmten dreifigurigen Raptusgruppe dar, die 1579—1582 als monumentale Marmorskulptur ausgeführt und in der Loggia dei Lanzi in Florenz aufgestellte wurde, wo sie bis heute zu bewundern ist. Ausgehend von der Komposition der Venus Urania strebte Giambologna eine immer größere Perfektionierung der Allansichtigkeit seiner Statuen an und entwickelte dieses Konzept an Hand von zwei- und schließlich dreifiguren Gruppen im so genannten Sabinerinnenraub der Loggia dei Lanzi zur choreographischen Vollendung. Es ist überliefert, dass es Giambologna bei der Arbeit an diesen Gruppen wiederum nicht um die Darstellung einer bestimmten Geschichte, sondern um die Lösung rein formaler Probleme ging: ineinander verschränkte Körper, Hochheben und Unterliegen, figura serpentinata und Allansichtigkeit. Wer hier wen raubte, war ihm im Grunde ziemlich egal — erst nachträglich ließ er sich zu einer Deutung herbei und gab der Gruppe den Namen Sabinerinnenraub.



Text und Bilder zur Verfügung gestellt durch das Kunsthistorische Museum Wien