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Pflegenotstand

Sehr geehrter Herr Dr. Brustbauer! Sehr geehrter Herr Dr. Bachinger!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Immer wieder gibt die Betreuungsqualität in den diversen Pflegeheimen seitens Angehöriger (selten der HeiminsassInnen selbst, welche sich oftmals, vor allem, wenn es sich um so genannte 'Besachwaltete' handelt, nicht mehr ausreichend Gehör verschaffen können) Grund zu Beanstandung, wie die RepräsentantInnen bzw. MitarbeiterInnen diverser Beschwerdeeinrichtungen bestätigen. Immer wieder bekommt man auch Beschwerden des in den diversen Heimen tätigen Personals zu hören, vor allem in Bezug darauf, dass insbesondere in Pflegeheimen oftmals  am falschen Platz gespart wird, nämlich vor allem beim Pflegepersonal (daher ist die Personalfluktuation in diesem Bereich auch entsprechend hoch).

So kommt es, dass die Betreuung der einzelnen HeimbewohnerInnen, wenn auch diese zumeist durch geschultes und oftmals auch menschlich kompetentes Fachpersonal erfolgt, nicht selten zu wünschen übrig lässt. Anstelle einer 'individuellen' und vor allem re-aktivierenden Betreuung**, von welcher in den diversen Werbebroschüren und Informationsfoldern die Rede ist, verhält es sich in der traurigen Realität zumeist so, dass viele HeimbewohnerInnen  statt der oftmals nötigen persönlichen Zeit und Zuwendung Psychopharmaka und sedierende Medikamente erhalten, um nur ja 'keine Probleme zu machen', denn 'das Werkel muss ja schließlich rennen' (wenn man etwa Auskunft darüber erhalten möchte, wie sich der im Pflegeheim lebende Familienangehörige befindet, bekommt man in den meisten Fällen 'er bzw. sie ist ruhig' zur Antwort, so, als ob es oberstes Gebot wäre, dass ein Pflegeheiminsasse in erster Linie 'ruhig zu sein' hat). Traurig, wenn man das tagaus, tagein miterleben muss, insbesondere als Angehöriger, der sich noch nicht die nötige 'dicke Haut' zugelegt hat, wie die in Pflegeberufen tätigen Personen immer wieder 'unter vier Augen' berichten.

Immer wieder bekommt man zu hören, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Pflegebedürftigen nicht ausreichend wahrgenommen werden geschweige, dass man deren nächste Angehörige (nicht einmal dann, wenn sie sich z. B. mit einer Vollmacht oder notariell beglaubigten Angehörigenvertretung 'legitimieren' können) wunschgemäß in die diversen pflegerischen und vor allem medizinischen Entscheidungen mit einbeziehen würde. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass es in den überwiegenden Fällen nicht erwünscht ist, wenn man als sich sorgender Angehöriger die eine oder andere Kritik äußert. Obschon es sich bei den InsassInnen der diversen Pflegeheime um zahlende KundInnen handelt (welchen in der Regel 20 Prozent ihrer Pensionen als 'Taschengeld' verbleiben, wovon noch Medikamente, Friseur, Maniküre usw. bezahlt werden müssen, so dass letztlich kaum mehr etwas z. B. für das eine oder andere nötig gewordene Kleidungsstück usw. übrig bleibt), hat es im Pflegealltag zum überwiegenden Teil nicht den Anschein, dass die HeimbewohnerInnen auch als zahlende KundInnen gesehen bzw. behandelt werden.

Werden etwa diverse Beanstandungen von den Angehörigen der betroffenen Personen geäußert, so werden diese in vielen Fällen nicht ernst genommen bzw. abgewehrt: 'Halten Sie sich zurück, für Ihre Mutter ist bestens gesorgt', bekam ich da z. B. in, gelinde gesagt, ungehaltenem Ton von der Leiterin eines von mir beanstandeten Pflegeheims zu hören, welches auf Grund eines wenn auch noch so berechtigten Heimwechsels nun auch noch über 1200 Euro von meiner Mutter haben möchte, der gerade 116 Euro von ihrer Pension als monatliches 'Taschengeld' verbleiben (bei Abzug oben erwähnter Kosten würde sie Monat für Monat ins Minus geraten, deshalb werden Friseur- und Manikeur-Dienste, die dringend notwenig seiende, jedoch nicht leistbare Logo- und Physiotherapie usw. von deren Tochter getätigt!). Und das Schlimmste daran: Die Geldforderung des Heims wurde nach diesbezüglicher Intervention unter Berufung auf den so genannten Heimvertrag auch noch als legitim bezeichnet, obschon es sich um einen auf Grund diverser Beanstandungen notgedrungenen Heimwechsel handelte!

Was hätte dies im Klartext zu bedeuten? Dass den HeiminsassInnen deren Grund- und Menschenrechte (z. B. Recht auf freie Wahl des Wohnortes) sowie u. a. auch deren Patientenrechte aberkannt werden, sie im Falle der Durchsetzung ihrer Rechte auch noch teuer bezahlen, und da sie sich in den meisten Fällen derartige finanzielle Forderungen nicht leisten können, mit einer wenn auch noch so unerträglichen Situation vielleicht bis an ihr Lebensende Vorlieb nehmen müssen?

Nicht nur, dass in den diversen Heimverträgen so gut wie kein Passus enthalten ist, welcher den HeimbewohnerInnen zumindest zugestehen würde, auf Grund von Unzufriedenheit das Heim ungehindert wechseln zu dürfen; es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass es einem Menschen, welcher auf Grund seiner Befindlichkeit auf die Hilfe anderer angewiesen ist und vor allem nicht über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügt, jederzeit frei stehen sollte, seine persönliche Situation verbessern zu dürfen! Dies wird jedoch durch die in vielen Heimen üblichen Auflagen insbesondere finanzieller Natur schlichtweg verunmöglicht.

Die überwiegend unglücklichen Gesichter der PflegeheiminsassInnen, welche tagaus, tagein das Alltagsbild bestimmen, sprechen für sich - die glücklich Lachenden, welche man immer wieder in den diversen Werbebroschüren zu sehen bekommt, sind in der traurigen Realität höchst selten zu finden.

Seit Jahren wird immer wieder das Wort 'Pflegenotstand' strapaziert - doch wann werden endlich geeignete Maßnahmen gesetzt (z. B. durch Schaffung allgemein verbindlicher, sich den Menschen- und Patientenrechten verpflichtet fühlenden, ethischen Ansprüchen gerecht werdenden Qualitätsstandards, und vor allem Verpflichtung, trotz damit verbundener Gewinneinbußen diverses Pflegepersonal in ausreichendem Maße zur Verfügung zu stellen, so dass eine zwar oftmals behauptete, aber in der Realität kaum vorhanden seiende individuelle Betreuung, welche vor allem auch Wert auf Re-Aktivierung** legt, gewährleistet wird), um diesen Notstand zugunsten Abertausender darunter Leidender endlich abzustellen? Hier ist keine 'Politik der kleinen Schritte' angebracht, wie ein Mitarbeiter einer Seniorenvereinigung vor kurzem sagte, hier herrscht nach wie vor dringender Handlungsbedarf!

Mit freundlichen Grüßen,
Christine Götz
Initiative proEthos          12. September 2011





7.10.2014 Oberösterreichische Nachrichten OÖNachrichten-Leitartikel: "Der österreichische Weg kommt an ein Ende",

von Wolfgang Braun;  Ausgabe vom 8. Oktober 2014
Applaus wird Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SP) für seine Novelle zur Pflegefinanzierung keinen erwartet haben. Ab 2015 den Zugang zu den Pflegestufen 1 und 2 zu erschweren und erst im Jahr darauf das Pflegegeld zu erhöhen, das ist nun einmal nicht besonders elegant. Hundstorfer ist ein Getriebener der rasant steigenden Kosten im Pflegesystem. Er braucht Geld für den wachsenden Bedarf bei der 24-Stunden-Pflege - das holt er sich, indem die Hürden für die ersten beiden Pflegestufen angehoben werden. Da nur 14 Prozent der Pflegegeldbezieher in Stufe 1 tatsächlich Pflegeleistung zukaufen, hat er durchaus Argumente für seine Maßnahme. Aber eine strategische Meisterleistung ist sie natürlich nicht. Wie alle Regierungen der vergangenen Jahre beschränkt sich auch Hundstorfer damit, bei der Pflege umzuschichten und Löcher zu stopfen.
    Bestes Beispiel ist der Pflegefonds, der eingerichtet wurde, um die Finanzlast der Länder und vor allem der Gemeinden zu lindern. Das war 2011 - und alle Beteiligten von Bund, Ländern und Kommunen sprachen damals von einer Überbrückung, von einer auf drei Jahre begrenzten Finanzspritze, mit der man sich Zeit erkaufen wollte, um eine große Pflegelösung zu erarbeiten. Mittlerweile wurde die Überbrückung zur Dauerlösung: In der aktuellen Novelle Hundstorfers wird der Pflegefonds bis 2018 fortgeschrieben. Die große Pflegestrategie ist jedoch nicht in Sicht. Notwendig wäre sie längst. Die demographischen Prognosen sind eindeutig: Wir werden immer älter. Die Zahl der Pflegegeld-Bezieher stieg in Oberösterreich seit 2004 um rund 20.000 auf 71.600 Personen. Die Pflege wird - Stichwort Demenz - immer herausfordernder. Dafür wird man in den kommenden Jahren mehr qualifiziertes Pflegepersonal brauchen. Aber schon jetzt fehlen die Fachkräfte, steigen viele aus, weil der Beruf körperlich und psychisch immer belastender und dazu noch schlecht bezahlt wird. Wenn unser Pflegesystem in hoher Qualität bestehen bleiben soll, muss man den bisherigen Weg der Überbrückung und Umschichtung verlassen. Welche Standards wollen wir uns in der Pflege künftig leisten und wer soll dazu in welchem Ausmaß finanziell beitragen? Vor diesen grundsätzlichen, sensiblen Fragen werden die Politik und wir alle nicht davonlaufen können.
Rückfragehinweis: Oberösterreichische Nachrichten Chef vom Dienst