Wien

8.10.2013 Noch immer "Equal Pay Day"-Rituale zum Gender Pay Gap in Österreich

Gastkommentar Viktor Pölzl

Oppositionsführer H.C. Strache forderte laut "Falter" in seinen Bierzelt-Reden vor der Nationalratswahl 2013 lautstark "Gleichen Lohn für gleiche Arbeit" und wirft der Regierung Versagen vor. Aufgelegt hat ihm diesen Ball die schwarzmalende Frauenministerin mit ihren Helfershelferinnen, die vermutlich um ihre Existenzberechtigung fürchten.
 
Frauen können nicht rechnen, befand Karin Zauner in den "Salzburger Nachrichten" (5. April 2013). Vielleicht rechnen sie aber damit, daß keiner nachrechnet oder nachschaut? Aber auch ohne Rechenkünste sollte klar sein: Wenn ich mich wie das internationale Frauenkarrierenetzwerk BPW, die Frauenministerin (in Widerspruch zu ihrem "Gehaltsrechner" und ihrem "Einkommensbericht 2012") und die Grüne Frauensprecherin Judith Schwentner nicht von einem möglichst hohen, aber überholten Wert von minus 25,5% (aus 2009 und für "Vollzeit" statt "Ganzjährig Vollzeit" und "Arithmetisches Mittel" statt "mittleres Einkommen" (Median)) verabschieden kann, kann ich mich schwerlich über "seit Jahren absoluten Stillstand" (Schwentner) beklagen. Und wenn das Netzwerk BPW die "rote Tasche als Symbol für das Defizit in den weiblichen Geldbörsen" propagiert, sollte es sich auch für die Nettoeinkommen interessieren. Die Gender-Statistik der Statistik Austria und der Rechnungshof verwenden jetzt in ihren Vergleichen nur Median-Werte.
"Das mittlere Einkommen (oder Medianeinkommen) bildet die gesellschaftliche Situation von Armut und Reichtum in einer Gesellschaft besser als das Durchschnittseinkommen ab." http://de.wikipedia.org/wiki/Mittleres_Einkommen

 Für 5. April 2013 (wie im Vorjahr) hat das Netzwerk "Business and Professional Women", das "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" fordert, den "Equal Pay Day" ausgerufen, denn:
Das Einkommen ganzjährig vollzeitbeschäftigter Frauen liegt in Österreich laut Daten der Statistik Austria 25,5 Prozent unter dem vollzeitbeschäftigter Männer. (APA, 4. April 2013)
Anm.: Abgesehen davon, daß es hier nicht um gleiche Arbeit geht: Korrekt wären (Medianwerte): 18,5 Prozent (mittleres Bruttojahreseinkommen) bzw. 15,6 Prozent (mittleres Nettojahreseinkommen) (Werte für 2011 der Statistik Austria 2012 für ganzjährige Vollzeitbeschäftigung). Siehe Tabellen auf Seiten 47/48 des Berichtes des Rechnungshofes, Reihe Einkommen 2012/1 und die Daten der Gender-Statistik der Statistik Austria:
http://www.rechnungshof.gv.at/fileadmin/downloads/2012/berichte/einkommensbericht/Einkommensbericht_2012.pdf
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/gender-statistik/einkommen/062503.html
 
Aber auch für die  >durchschnittlichen< Jahresbezüge (unselbständig Erwerbstätiger mit ganzjähriger Beschäftigungsdauer bei Vollzeitbeschäftigung) stimmt der Wert von -25,5% nicht, es wären  rund 23% (2011) bei Bruttobezügen (und netto weniger). Mit dem Wert von -23,2% aus 2011 begründete die GPA den zweiten EPD im Jahr 2013 für 8. Oktober:
http://www.gpa-djp.at/servlet/ContentServer?pagename=GPA/Page/Index&n=GPA_0.a&cid=1380312027316
 
"Dass wir noch immer 25,5 Prozent Lohnunterschiede haben, ist traurige Realität", sagte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek anlässlich des heutigen Equal Pay Day. (Aussendung Heinisch-Hosek, 5. April 2013)
Der Pay Gap ist (seit dem Vorjahr) um ein halbes Prozent gesunken, sodaß der EPD diesmal zwei Tage später stattfindet.
(Heinisch-Hosek sinngemäß auf ATV aktuell, 8. Oktober 2013)
Anm.: 25,5% minus 0,5% sind wohl 23,2% (Gender-Mathematik?)
 
Bei der Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern herrscht seit Jahren absoluter Stillstand. ...Das Einkommen ganzjährig vollzeitbeschäftigter Frauen liegt nach Statistik Austria im Schnitt um 25,5 Prozent unter dem durchschnittlichen Jahreseinkommen vollzeitbeschäftigter Männer. (Aussendung Judith Schwentner, Grüne Frauensprecherin, 4. April 2013).
 
Der Gender Pay Gap hat sich in den letzten Jahren in Österreich vergrößert und liegt 2009 bei 25,5%. (Alexandra Weiss, Politikwissenschafterin, beschäftigt im "Büro für Gleichstellung und Gender Studies" der Universität Innsbruck, auf http://www.equalpayday.at)
 
Berücksichtigt man die Unterschiede im Beschäftigungsausmaß (Teilzeit, unterjährige Beschäftigung) und beschränkt den Vergleich auf ganzjährig Vollzeitbeschäftigte, dann lagen (Anm.: 2011) die Bruttoeinkommen der Frauen (31.598 Euro) immer noch um 18,5% unter jenen der Männer (38.776 Euro). ... Betrachtet man nur die ganzjährig Vollzeitbeschäftigten, zeigt sich ebenfalls ein leichter Rückgang der geschlechterspezifischen Einkommensdifferenz von 22,5% 2004 auf 18,5% 2011. ... Vergleicht man die auf Bruttostundenverdienste standardisierten Löhne und Gehälter von Voll- und Teilzeitbeschäftigten in der Privatwirtschaft, dann hat sich laut Eurostat aber auch der "Gender Pay Gap" von 25,5% 2006 auf 23,7% 2011 verringert. (Webseite STATISTIK AUSTRIA - Einkommen, letzter Stand 6. März 2013, zum Teil fast wortgleich auf dieStandard.at 5. März 2013).
Anm.: Der Eurostat-Wert für 2006 von minus 25,5% bei Bruttostundenlöhnen in der Privatwirtschaft war häufiger Gast in Grafiken (auch in Frauenberichten, dort aber immerhin mit Hinweis auf Stand 2006), in denen mit anderen EU-Ländern verglichen wurde. Österreich sei demnach gemeinsam mit Tschechien in der EU am letzten Platz, lautete die falsche Botschaft (für 2010) von Ministerin Heinisch-Hosek zum Equal-Pay-Tag 2012 (Quelle: Kurier.at, letztes Update 20. August 2012: "Niedrigere Frauengagen: Österreich ist EU-Schlusslicht"). Das Nachrichtenmagazin "profil" hat aber schon im April 2012 auf Unstimmigkeiten hingewiesen, so wurde im Grafik-Vergleich (u.a. im "Kurier") der EU-Länder  Estland unterschlagen.
 
Im Bundesdienst beträgt der um das Beschäftigungsausmaß bereinigte Gender Pay Gap 15%, während der Einkommensunterschied zwischen ganzjährig vollbeschäftigten Frauen und Männern in Österreich 21% ausmacht (Durchschnittseinkommen unselbstständig Beschäftigter, Quelle: Allgemeiner Einkommensbericht des Rechnungshofes (Reihe Einkommen 2010/1)).
Aus: Einkommensbericht 2012 von Frauenministerin Heinisch-Hosek, http://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=48968
Anm.: Der Bericht von Heinisch-Hosek bezieht sich auf denselben (mittlerweile überholten) Rechnungshofbericht wie die Protagonistinnen der 25,5%-Behauptung. Aus dem Bericht der Frauenministerin geht auch hervor, daß der Gender Pay Gap im öffentlichen Dienst (Bundesdienst) trotz für Männer und Frauen gleicher Entlohnungsschemata auch auf die in den letzten Jahren vermehrte Einstellung von Frauen (Bevorzugung bei "gleicher Qualifikation") zurückzuführen ist, also Frauenförderung den Gender Pay Gap paradoxerweise erhöht. Das bei Beamten gleiche Regelpensionsantrittsalter führt wiederum dazu, daß Frauen nicht um Vorrückungen am Karriereende umfallen, was die Gehaltsunterschiede verringert.

Wenn man die Teilzeitbeschäftigung herausrechnet und nur mehr die Stundenlöhne vergleicht, dann zeigt sich: Frauen verdienen immer noch um 21,3 Prozent weniger als Männer.
Vergleich der Bruttostundenverdienste, Medianeinkommen
Frauen 12,2 Euro, Männer 15,5 Euro.
Quelle: Einkommensbericht des Rechnungshofes 2010.
Aus: Informationen zum Gehaltsrechner - Initiative der Frauenministerin,
http://www.bka.gv.at/site/6326/default.aspx

Anders betrachtet verdienten Frauen um 21,1 Prozent weniger als Männer, die Lücke verkleinerte sich so gesehen um 1,6 Prozentpunkte. In den vier Jahren zwischen 2006 und 2010 sind die Bruttolöhne für Frauen um 13,7 Prozent, jene für Männer um 11,3 Prozent gestiegen. (dieStandard.at, 12. Juli 2012)
 

Stichwort gleicher Lohn für gleiche Arbeit:

Wie sieht es nun mit Behauptungen aus, Frauen würden beim Gehalt diskriminiert?  Das haben wir schon am 6. Oktober 2011 untersucht, Auszug:

... Denn noch immer verdienen Frauen bei gleicher Tätigkeit rund ein Viertel weniger als Männer. Nur weil sie Frauen sind. ...
(Inserat Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek im "Standard" 4. Oktober 2011- in Widerspruch zu einem früheren Inserat, in dem von 15 Prozent die Rede war)

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – das fordern wir Frauen seit über 100 Jahren. Diese Forderung ist heute aktueller denn je. Denn noch immer verdienen Frauen für die gleiche Arbeit um 18% weniger als Männer.
(Frauenministerin Heinisch-Hosek, 2011, 2012 auf http://www.gehaltsrechner.gv.at/geleitwort)

Also wenn ich gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit möchte, dann schau ich, dass ich auch vergleichbare Tätigkeiten heranziehe, und da bleibt dieser unerklärliche Rest von 12 Prozent. ...
(Frauenministerin Heinisch-Hosek in Ö1 "Journal Panorama" 5. Oktober 2011)

ANMERKUNG: Der Wert von "12% ungeklärtem Rest" stammt aus einer 2009 publizierten Studie des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo) der Sozialpartner, in dem erklärbare Gehaltsunterschiede "herausgerechnet" und Daten aus den Jahren 2004 bis 2006 verwendet wurden, in denen eine andere Wirtschaftslage vorhanden war. Die Differenz ist inzwischen sicherlich geschrumpft und würde sich weiter verflüchtigen, würden auch andere Faktoren des Erwerbslebens entsprechend berücksichtigt, die Männer eher in Anspruch nehmen, aber auch Frauen offen stünden: Lohnverträge mit höherem Risiko (variablem Lohnanteil), Bereitschaft zum Pendeln, zu Überstunden und ungünstigen Arbeitszeiten usw. Zudem kann ein Unternehmer aus der Praxis zum Schluß kommen, daß ein Mitarbeiter trotz gleicher Arbeit(szeit) produktiver als ein anderer ist, also mehr leistet und sich daher auch ein höheres Gehalt verdient hat. Nach Angabe der Wirtschaftskammer beträgt der ungeklärte Rest übrigens (OECD für 2010) 5,6%.
http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/1574725/Eine-Geschlechterkluft (Anm. Red.: Link nachträglich geändert. Der urspüngliche Artikel auf der WKO-Webseite ist leider nicht mehr vorhanden.)
  

...2013 geht das widersprüchliche unseriöse Herumwerfen mit Zahlen ungeniert weiter:

"Von diesem Viertel kann man rund 15 bis 18 Prozent überhaupt nicht erklären - das heißt, da sind Teilzeit, Überstunden und Berufswahl schon herausgerechnet. Das sind die reinen Diskriminierungsprozente, die übrig bleiben." (Frauenministerin Heinisch-Hosek, Aussendung 5. April 2013). Anm.: Dazu aber aus Heinisch-Hoseks Hause im "Frauenbericht 2010", Seite 198: "Bei der Interpretation dieses Effektes ist jedoch zu berücksichtigen, dass das verbleibende Lohndifferenzial sowohl auf Diskriminierung aufgrund des Geschlechts als auch auf nicht beobachteten lohnrelevanten Unterschieden beruhen kann und der Anteil der Diskriminierung somit tendenziell überschätzt wird." Und sogar Ines Schilling, Leiterin der Sektion II im Frauenministerium, widerspricht Heinisch-Hosek in der "Presse" vom 30. März 2013 indirekt, indem sie 10% Geschlechterdiskriminierung angibt.
 
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – das fordern wir Frauen seit über 100 Jahren. Diese Forderung ist heute aktueller denn je. Denn noch immer verdienen Frauen für die gleiche Arbeit um 19% weniger als Männer.
(Frauenministerin Heinisch-Hosek, aktuell auf http://www.gehaltsrechner.gv.at/geleitwort)
Anm.: Die Ministerin hat bei ihrer Manipulation neuerdings einen weiteren Prozentpunkt (gegenüber 2011, 2012) zugelegt.

Aber ganze 12 bis 15 Prozent der Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen ergeben sich rein aus dem Umstand, dass eine Frau eine Frau ist. (Frauenministerin Heinisch-Hosek aktuell auf der Webseite http://www.equalpayday.at -bemerkenswerterweise ein etwa 50%iger "Rabatt" gegenüber dem Inserat im "Standard" vom 4. Oktober 2011)

Genauere Analysen des "unerklärlichen Bereiches" dürften eher unerwünscht sein, weil damit das Dogma der Frauendiskriminierung nur an Boden verlieren könnte. Siehe auch:
http://karrierebibel.de/warum-frauen-und-manner-gleich-bezahlt-werden-und-dennoch-unterschiedlich-verdienen/
BUCHHINWEIS: Walter Krämer: So lügt man mit Statistik (Piper-Verlag München 2011, Euro 9,95)
 

Im wesentlichen lenkt die Debatte über (eindeutig kleiner werdende, aber aufgeblasene) Einkommensdifferenzen zwischen Männern und Frauen nur von der tatsächlichen sozialen Bruchlinie und anderen Problemen (z.B. Geldentwertung) ab. Wo die Schere auseinandergeht, steht im Einkommensbericht 2012 des Rechnungshofes (Kurzfassung Seite 20): "Der Vergleich der Entwicklung der hohen und  niedrigen Einkommen zeigt, dass die Einkommensschere seit 1998 auseinanderging und sich dieser Trend nach einer kurzen Gegenentwicklung 2006 und 2007 in den letzten vier Berichtsjahren fortgesetzt hat. Während die hohen Einkommen real nur leicht stiegen, fielen die niedrigen Einkommen sehr stark ab." Carina Kerschbaumer kommentierte in der Grazer "Kleinen Zeitung" vom 5. April: "Der heutige Tag provoziert Männer - vor allem jene, die ebenfalls wenig verdienen."
 
Übrigens gibt es nur in Österreich zwei "Equal-Pay-Day"-Tage jährlich. Das Frauennetzwerk BPW will den EPD 2009 in Österreich eingeführt haben, die ÖGB-Frauen wiederum wollen 2007 die ersten gewesen sein. Die "Lösung" dieses Urheberstreits waren zwei Tage jeweils im Frühling und Herbst, denn: "Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser".  Die "Presse" kommentierte am 6. Oktober 2012: "Sturheit a la Östereich".
 
Viktor Pölzl
Obmann Verein Freimann
www.freimann.at





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"100 Prozent von nichts bleiben nichts"

Interessanter Artikel im Standard.
=> http://derstandard.at/2000004299843/100-Prozent-von-nichts-bleiben-nichts
VP 13.8.2014