Wien

Der architektonische Aufbau der Pestsäule folgt einer Zahlensymbolik, die durch die "Drei" bestimmt wird. Alle ihre Figuren, Wappen und Inschriften stehen in Verbindung mit dem Grundgedanken der Dreieinigkeit, der Heiligen Dreifaltigkeit, zu deren Ehren dieses Monument geschaffen wurde. Eine Dreiheit der Götter lässt sich in vielen Religionen der Menschheitsgeschichte nachweisen. Das christliche Glaubensgeheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit erfährt vor allem in der Kunst des Barocks die bildhafte Umsetzung als Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist, der meist als weiße Taube über beiden göttlichen Personen schwebt.

Das Denkmal weist eine Struktur von drei Ebenen auf: Mensch, Engel und Gott. Die Welt des Menschen symbolisiert der Sockel, der wiederum nach der Dreizahl in Flügel geteilt ist und von denen jeder einer der Drei Göttlichen Personen entspricht. An der Vorderfront der Pestsäule, also an der der Schauseite kniet an prominenter Stelle der Stifter der Säule - Kaiser Leopold I. im Prunkharnisch - zwischen dem hervorragenden "Gott-Vater-Flügel( links) und dem "Gott-Sohn-Flügel" (rechts). Unterhalb dieser Gebetsszene befindet sich im Bereich der Sockelebene eine größere Gruppe von Marmorfiguren: Der Glaube, dargestellt als engelhaftes Wesen mit dem Kreuz in der Hand, stürzt mit Hilfe eines Engels mit einer Fackel die Pest - ein wahres Scheusal mit wirren Haaren und ausgetrockneten Brüsten - in den Abgrund.

Die großen, von Johann Bernhard Fischer von Erlach entworfenen zwölf Reliefs am Sockel folgen ebenfalls der dem ganzen Bau zugrunde liegenden dreigliedrigen Komposition. Zwei mal drei Reliefs zeigen biblisches Heilsgeschehen und Gott als strafendes wie auch gnadenvolles Wesen; darüber sind zwei mal drei Reliefs mit Emblemen angebracht. Die Bildauffassungen der zwölf Reliefs folgten einem theologisch-historische Programm, das der Jesuitenpater Franz Menegatti konzipiert hatte. Die Pest wird im barocken Denken als Strafe Gottes gedeutet, die nur durch Gebete und durch den Glauben an den dreieinigen Gott des Menschen aufgehoben werden kann. Auf drei bronzenen Schriftrollen, die geöffnet an den drei Seiten des Denkmals herabhängen, sind in lateinischer Sprache ein Bitt-, ein Lob- und ein Dankgebet aufgeschrieben.

Ebenfalls auf dem Sockel sind drei auffallende Wappen angebracht, die das Programm der neu entstehenden Großmacht Österreichs demonstrieren: Das große Wappen des Hauses Österreichs mit der Kaiserkrone Rudolfs II., das Wappen Ungarns mit der Stephanskrone und das Wappen Böhmens mit der Wenzelskrone. Der Vielvölkerstaat Österreich sollte eine Einheit in der Vielheit bilden.

Aus diesem mit vielen Sinnbildern befrachteten Sockel steigt eine dreieckige Pyramide mit einer Wolkenspirale als Sinnbild für das "Wachsen zu Gott" empor. In dieser Mittelsphäre zwischen "unten und oben" sitzen beziehungsweise stehen neun überlebensgroße mächtige Engel, die verschiedene Embleme tragen wie Szepter und Krone, Lanze, Schild, Herzogshut, Buch, Schriftrolle, Fackel, Laute und Posaune. Im oberen Teil tummeln sich in den Wolken kleine dicke Engel, teilweise schauen Cherubköpfchen heraus. In höchster Höhe thronen, in Feuer vergoldetem Kupfer ausgeführt, die Drei Göttlichen Personen der Trinität im Strahlenkranz. Wie ein barockes Musikstück in seiner Überfülle präsentiert sich die gesamte Pestsäule - aber bis in das kleinste Detail durchkomponiert und gedanklich vernetzt.

Textquelle: Rathauskorrespondenz