Wien
Pest in Wien

Pestarzt - Durch diese Kleidung hofften die Ärzte während der Pestepidemie von 1656 in Rom, sich vor der Pestansteckung zu schützen. Sie trugen einen Wachsmantel, eine Art Schutzbrille und Handschuhe. In dem Schnabel befand sich „wolriechende Specerey“.
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Bereits im Dezember des Jahres 1678 traten in der damaligen Vorstadt "Leopoldstadt" die ersten Pestfälle auf, die aber von den Behörden vertuscht und bagatellisiert wurden. Die Seuche breitete sich rasch in weiteren Vorstädten aus, die außerhalb der kaiserlichen Residenzstadt lagen. Die ärmeren Bevölkerungsschichten gehörten also zu ihren ersten Opfern. Obwohl die Zahl der Todesfälle von Monat zu Monat stieg, blieben alle Warnungen und Kritiken des Pestarztes Paul de Sorbait an der unzulänglichen Situation des Sanitätswesens und der Hygiene ungehört.

Der engagierte Mediziner hatte bereits im Jänner 1679 eine "Pest-Ordnung" herausgegeben, die umfangreiche Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung bei einem Ausbruch der Seuche vorsah. In dieser Pest-Ordnung beschrieb Paul de Sorbait das damalige Wissen über die Krankheit und schilderte sie: " auch den mehreren Teil derjenigen, so es ergriffen, mit Beulen, Drüsen, Dippel-Zeichen oder mit Carfunkeln, braunen und schwartzen Flecken und Kohl, Zündt Blattern neben großer inwendiger Hitz ansteckt und inner wenig Tagen oder Stunden tödlich hinricht".

Im Juli des gleichen Jahres übersprang der "Pestilenzfunken" die Stadtmauer: Ein furchtbares und großes Sterben begann innerhalb der Stadt Wien. Ein Chronist berichtete: "Endlich nahm sie (=die Pest)sich aber die Keckheit, drang in die Stadt selbst hinein und verursachte eine erschreckende Niederlage unter den Reichen und vornehmsten Adel in den Palästen und prächtigsten GebäudenDa sahe man gantze Wägen voll der Edlen und Unedlen, Armen und Reichen, Jungen und Alten beiderlei Geschlechts, durch alle Gässen zum Thor hinausführen".

Die Menschen in der Stadt waren voll Entsetzen und in Panik: Die Leichen lagen oft tagelang auf der Straße, denn es fehlte an Siechenknechten und Totengräbern. Schnell entlassene Häftlinge übernahmen dann diese Dienste. Statt Einzelbestattungen wurden große Gruben außerhalb der Stadt angelegt, um die Verstorbenen in Massengräbern unterzubringen. Wer es sich leisten konnte, flüchtete aus der Stadt. Kaiser Leopold I. verließ mit seiner Familie am 17. August Wien. Er begab sich zuerst auf eine Wallfahrt nach Mariazell und flüchtete dann weiter nach Prag. Als dort ebenfalls die Pest ausbrach, zog er sich nach Linz zurück, wo er bis zum endgültigen Erlöschen der Seuche im Jahr 1680 blieb.

Die genaue Zahl der im Jahr 1679 an Pest in Wien verstorbenen Menschen wird sich wohl niemals ermitteln lassen. Die gigantischen Sterbeziffern zeitgenössischer Berichte, die zwischen 70.000 und 120.000 Toten schwanken, lassen sich aus den noch erhaltenen Totenschauprotokollen nicht belegen. Nach diesen Eintragungen wären ungefähr 8.000 Einwohner der Seuche erlegen. Doch ist fraglich, ob in dem herrschenden Wirrwarr alle Todesfälle den Beschauärzten überhaupt gemeldet wurden und wie viele auf der Flucht starben.

Pest in Wien

Ausschnitt aus dem Holzschnitt "Totentanz"
Hans Holbein der Jüngere
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Das große Sterben - Die Pest oder der "Schwarze Tod" in Europa
Die Pest gehört zu den schweren, akuten bakteriellen Infektionskrankheiten, die heute schon im Verdachtsfall meldepflichtig sind. Erst vor etwas über 100 Jahren setzte die moderne Pestforschung anlässlich der Pestepidemien in Hongkong und Indien ein: Der Schweizer Tropenarzt Alexander Yersin entdeckte 1894 den Erreger der Pest: Der Bazillus erhielt nach diesem Forscher den Namen " Yersina pestis". Schon damals erkannte die Wissenschaft die Rolle gewisser Nagetiere bei der Entstehung von Pestepidemien und die Beteiligung des Rattenflohs beziehungsweise Menschenflohs als Möglichkeiten der Übertragung der Pest auf den Menschen.

Seit dem Altertum war die Pest eine der schwersten und häufigsten Epidemien. Allerdings bezeichnete man lange Zeit auch andere Seuchen als Pest wie zum Beispiel die Pocken oder die Ruhr, da sie ebenfalls mit hoher Sterblichkeit verbunden waren. Der Begriff "Pest" bedeutete aber im übertragenen Sinn auch Unglück und Verderben. Das Wort wurde daher in der Vergangenheit möglichst vermieden, und die Geschichtsschreiber versuchten es mit anderen Worten auszudrücken wie " leidige Seuche", "hitziges Fieber" oder "Kontagion" (=Ansteckung, Infektion).

In den Jahren 1348 bis 1352 wurde Europa von der schwersten Pestepidemie der Geschichte überrollt. Die Seuche, die sich zur Lungenpest entwickelte, vernichtete ein Drittel der der damaligen Bevölkerung. Nach den Schätzungen waren somit rund 25 Millionen Menschen dem "Schwarzen Tod" zum Opfer gefallen. Die Lungenpest wurde nicht durch Flohbisse - wie die Beulenpest - , sondern durch hochinfektiöse bazillenhaltige Tröpfchen mit Husten und Niesen von Mensch zu Mensch übertragen. In Wien erreichte diese Pestepidemie im Jahr 1349 ihren Höhepunkt.

In den nächsten 400 Jahren folgten in unregelmäßigen Abständen immer neue Pestepidemien und verbreiteten Angst, Schrecken und Tod. Wirksame Medikamente fehlten, und da die Seuche als Gottesstrafe von der katholischen Kirche ausgelegt wurde, stellte sich die Bevölkerung unter dem Schutz vieler Pestheiligen, der Heiligen Dreifaltigkeit oder der Muttergottes Maria. Eindrucksvolle Zeugnisse dieser Bemühungen sind noch heute Kirchen und Kapellen, Pestaltäre, Pestkreuze und Pestsäulen. Die Verehrung der Heiligen Dreifaltigkeit wurde in den Notzeiten des 17. Jahrhunderts besonders durch neu gegründete religiöse Bruderschaften verbreitet - so wurde auch in Wien im Jahre 1679 eine Dreifaltigkeitssäule - die Pestsäule am Graben - errichtet. Als Denkmal der letzten Pest in Wien im Jahre 1713 erinnert heute die Karlskirche, die allerdings dem Pestheiligen Karl Borromäus gewidmet ist.

Als medizinische Maßnahmen gegen eine Pesterkrankung empfahlen die Ärzte Schwitzkuren, Aderlässe, Kauen von Wacholderbeeren oder Angelikawurzeln, aber auch die Verabreichung von Theriak, einem beliebten Arzneimittel des Mittelalters. Häufig werden Knoblauch, Lorbeer, Weinraute und ein Gemisch aus Schwefelpulver bei den Verschreibungen angeführt. Die Rezepte unterscheiden sich allerdings, ob sie für arme oder reiche Pestpatienten eingesetzt werden. Eine der wenigen wirksamen ärztlichen Hilfen war die Öffnung der Beulen (Bubonen) zum Abfließen des Eiters, die auch die Erkrankten als Wohltat empfanden. Als Wunderarznei galt das Auflegen einer in Essig oder Wein gelegten aufgespießten Kröte auf die Beulen. Solchen präparierten Kröten wurden auch noch während der Pest im Jahr 1679 in Wien große Heilkraft nachgesagt.

Zitate:
Aus der Wiener "Pest-Ordnung" des Pestarztes Paul de Sorbait, 1679
"nachdem die Erfahrung mit sich bringt, dass Sauberkeit ein sonderbar nützlich und notwendiges Mittel ist, sowohl die Einreissung der Infektion zu verhüten, als auch dieselbe abzuwenden: Herentwegen(=Deshalb) die Unsauberkeit solches Übel verursacht und erhaltet. So ist Unserer ernstlicher Befehl, dass Erstens kein Blut, Ein`geweide, Köpfe und Beiner von dem abgetöteten Vieh, noch auch Kraut-Blätter, Krebs, Schnecken, Eyerschallen oder anderen Unflat (=Abfall, Mist) auf denen Gassen und Plätzen ausgegossen: Ingleichen keine todte Hund, Katzen oder Geflügel auf die Gassen geworfen, sondern ein und anders vor die Stadt hinausgetragen werden"

Aus "Mercks Wienn" von Prediger Abraham a Sancta Clara, 1680
"Summa es ist keine Gassen noch Straßenwelche der rasende Tod nicht hätte durchstrichen. Man sah den ganzen Monat um Wien und in Wien nichts als Tote tragen, Tote führen, Tote schleifen, Tote begraben"

"Worvon die Pest verursacht werdeso weiß ich doch/ dass dieser giftige Pfeil (=Pestseuche) mehristen Theil (=zum größten Teil) von der Hand Gottes abgetruckt (=abgeschossen) wird / wie dessen vielfältige Zeugnis die göttliche Schrift (=Bibel) belegt. Auß welchem augenscheinlich kundbar und offenbar / dass die Pestilenz eine Ruthen (=Rute) seye / so die obere Hand Gottes flechtetso traue ich doch wenigst den Baum zu zeigen / worvon Gott die Ruthe flechtet. Dieser Baum ist die Sünde"."

    * Lied des lieben Augustins
      Oh du lieber Augustin
      S' Geld ist hin, d' Freud ist hin,
      Oh du lieber Augustin,
      Alles ist hin!
      Ach und selbst das reiche Wien
      Arm jetzt wie Augustin
      Seufzt mit mir in gleichem Sinn
      Alles ist hin!
      Jeden Tag war sonst ein Fest,
      Und was jetzt? Pest, die Pest!
      Nur ein großes Leichennest,
      Das ist der Rest!
      Oh du lieber Augustin,
      Leg nur ins Grab dich hin,
      Ach du mein liebes Wien
      Alles ist hin! 

Textquelle: Rathauskorrespondenz   16. Nov. 2005