Wien
Graben Wien 1

Seit vielen Jahrhunderten bildet der Graben das gesellschaftliche Zentrum von Wien. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Domkirche St.Stephan, die als kirchlicher Stadtmittelpunkt eine Art Gegenstück zum quirligen Leben am Graben darstellt. Der Graben liegt aber auch - und damit lässt sich seine besondere Bedeutsamkeit in der Geschichte der Stadt Wien erklären - auf der wichtigen Achse zwischen Dom und kaiserlichen Hofburg, also zwischen kirchlicher und weltlicher Macht.

Alle Festzüge führten in der Residenzstadt Wien von der Hofburg über den Kohlmarkt und Graben als eine Art "via triumphalis" zum Dom und wieder zurück. So entwickelte sich der Graben zu einem wichtigen Schauplatz für weltliche wie auch kirchliche Feste, ob es sich nun um prunkvolle Umzüge der Herrscher oder feierliche Fronleichnamsprozessionen handelte.

Als Platz besteht der Graben seit ungefähr 800 Jahren, vorher war er der Stadtgraben des ältesten Wien. Um 1200 wurde nämlich im Zuge einer großzügigen Stadterweiterung dieser Festungsgraben, der schon während der Römerzeit den Lagergraben für das Kastell Vindobona gebildet hatte, zugeschüttet. Die alte Bezeichnung "Am Graben" blieb aber weiterhin erhalten.

Schon seit seiner frühesten Zeit wurde der Graben als Marktplatz verwendet. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte das Angebot: In der Zeit um 1300 wird der Gaben als Milchmarkt erwähnt, zwanzig Jahre später wird von Krauthändlern am Graben berichtet, aber auch Fleischbänke, Brotläden u.s.w. waren am Graben aufgestellt. Später nahm er allerdings den zentralen Gemüsemarkt auf; dieser "Grüne Markt" bestand bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Ebenfalls bis zu dieser Zeit fand jedes Jahr vor Weihnachten ein Krippen - und Christkindlmarkt auf dem Graben statt. In der Barockzeit trat allmählich eine Veränderung ein: Der Graben stieg auf zum bevorzugten Festplatz, und in der Folge wurde das Marktwesen immer mehr verdrängt. Durch seine längliche und geschlossene Form eignete er sich besonders für Schaustellungen und Festivitäten. Bei den Erbhuldigungszügen des Hofes wurden prunkvolle Ehrengerüste aufgestellt, von denen dann "allerhand Gebratenes" in die versammelte Bevölkerung geworfen wurde, während aus den beiden Grabenbrunnen roter und weißer Wein floss.

Mitten auf diesem Platz, der als Synonym für heitere Festfreude, gesellschaftliches Treiben, aber auch eitles sich zur Schaustellen und Geschäftigkeit gelten konnte, wurde während der schwersten Pestepidemie in Wien im Jahre 1679 eine Dreifaltigkeitssäule als Pestsäule vorerst aus Holz aufgestellt. Einige Jahre später errichteten dann hervorragende Künstler die heute noch am originalen Standplatz stehende Pestsäule aus Marmor - als Transformation der grausamen Wirklichkeit des Jahres 1679 und als ein mächtiges Zeugnis zur Erinnerung für künftige Generationen.

Textquelle: Rathauskorrespondenz
Foto: Monika Herschberger (Red.)