Wien


Foto: SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer bei seiner Ansprache zum 1. Mai 2006 am Wiener Rathausplatz; © R. M.

Ansprache von
Dr. Alfred Gusenbauer
(SPÖ Parteivorsitzender) am Tag der Arbeit, 1. Mai 2006 am Wiener Rathausplatz:

“Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Wienerinnen und Wiener!

Der Wiener Rathausplatz hat sich auch heute wieder als der schönste Platz der Welt erwiesen, weil so viele Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten bezeugt haben, dass sie eine bessere, eine fairere und eine gerechtere Zukunft für Österreich wollen.

   (Anm. Applaus des Publikums)

Und dieser Platz, sowie die ganze Stadt, die ist von unten schön, dort wo wir uns alle bewegen. Man muss nicht in einem Penthaus wohnen, das einem nicht zusteht, vor allem dann, wenn man Milliarden Euro verspekuliert hat. Die Stadt ist auch ohne Penthäuser schön, liebe Genossinnen und Genossen!

   (Anm. Applaus des Publikums)

Aber es ist ein warnendes Zeichen, dass offensichtlich das Gift des Neoliberalismus – der zu ungerechten und unfairen Verhältnissen geführt hat – ganz offensichtlich auch die Gehirne und Herzen von Leuten in unserer Umgebung verseucht hat. Und daher liebe Freundinnen und Freunde, ist die Hauptaufgabe die Wurzeln – die Wurzeln des Problems – zu erkennen. Und die Wurzeln sind die gleichen. Egal ob es darum geht, dass fast 400.000 Menschen ohne Arbeit sind, dass die Pensionen von Jahr zu Jahr weniger Wert werden, dass die arbeitenden Menschen nicht mehr verdienen als vor 10 Jahren, obwohl sie immer härter arbeiten müssen, ob es betrifft, dass 400.000 Menschen in akuter Armut leben und eine Million Menschen armutsgefährdet ist, dass es einen laufenden Bildungsabbau an unseren Schulen gibt und auf der anderen Seite die Gewinne und die Renditen bei immer geringerer Besteuerung für ganz, ganz wenige, immer mehr werden – all das hat dieselbe Wurzel. Es ist eine verfehlte, menschenverachtende, neoliberale und konservative Politik. Und diese Wurzeln müssen wir beseitigen, liebe Freundinnen und Freunde!

   (Anm. Applaus des Publikums)

Unser Österreich braucht heute eine geistig-moralische und moralische Erneuerung, eine Erneuerung die darin besteht, dass es wieder mehr Chance für mehr junge Menschen gibt. Ein Land, das nach vorne blickt, investiert in seine Kinder und Jugendliche. Ein Land, das in die Bildung investiert, wird sich wieder Sozialkosten in der Zukunft ersparen. Und ein Land, das in die Arbeit investiert, muss nicht am Ende die Arbeitslosigkeit bezahlen.

Liebe Freundinnen und Freunde!

Die geistig-moralische und politische Erneuerung unseres Landes muss aber auch beinhalten, dass die Zeit zum Teilen gekommen ist. Dass diejenigen, die zuviel haben, mit der breiten Masse der Bevölkerung teilen, die täglich arbeiten gehen muss und wo immer weniger übrig bleibt. Die Zeit zum Teilen ist der Kern der geistig-moralische und politische Erneuerung.

   (Anm. Applaus des Publikums)

Und was wurde schon alles gesagt. Als es vor wenigen Jahren der Wirtschaft schlecht ging, haben die Leute – die heute in der Regierung noch das Sagen haben – gemeint, wartet nur darauf, dass es der Wirtschaft gut geht, dann geht es Euch auch gut. In der Zwischenzeit haben die meisten großen Unternehmungen hervorragende Gewinne, die Aktienkurse steigen, aber die Löhne stagnieren. Und daher stellt sich für viele Menschen die zentrale Frage: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, kriegen wir nix, wenn es der Wirtschaft gut geht, bekommen wir auch nix. Wann ist denn endlich der Tag gekommen, wann wir die Früchte, die gerechten Früchte unserer harten Arbeit ernten? Und ich sage Euch, nicht durch den Markt, selbstverständlich auch nicht durch die konservative Politik kommt man zu mehr. Nein. Ein gerechtes Mehr für die große Masse der österreichischen Bevölkerung gibt es nur dann, wenn es eine Regierung der Fairness, eine Regierung der Gerechtigkeit, eine sozialdemokratische Regierung in Österreich gibt.

   (Anm. Applaus des Publikums)

Die geistig-moralische und politische Erneuerung unseres Landes heißt aufzuräumen mit Nehmern und Abzockern, ganz gleich welcher Coleur. Die Erneuerung bedeutet bedingungslosen Kampf gegen die steigende Arbeitslosigkeit. Und die Erneuerung bedeutet eine Bildungspolitik, die in Österreich wieder dazu führt, dass alle Kinder – egal welcher Herkunft – die gleichen Chancen haben. Denn Österreich wird nur dann ein Zukunftsland sein, wenn es ein Bildungsland für alle ist.

   (Anm. Applaus des Publikums)

Und daher liebe Freundinnen und Freunde, haben wir eine große, eine gigantische Herausforderung aufzunehmen. Nach Jahren des schwachen Wirtschaftswachstums, der steigenden Arbeitslosigkeit und da und dort der Verzagtheit vieler Menschen, geht es darum, unserem Land und unserer Bevölkerung Zukunft zu geben, Optimismus und Hoffnung, dass wir die großen Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam bewältigen können. Aber gemeinsam bewältigen heißt, eine faire Verteilung dessen, was zu stemmen ist, damit auch eine faire Verteilung des Reichtums herauskommt. Denn wenn viele Rudern, aber es sich ein paar bequem machen, dann wird unser Schiff Österreich nicht so vorankommen, wie wir es benötigen. NEIN. Wir wollen gleiche Verantwortung und gleiche Teilhabe am Erfolg haben. Denn nur wenn es Fairness in unserem Land gibt, dann haben mehr Menschen die Chance, mit Optimismus in die Zukunft zu schauen. Und ich verspreche Euch, wir werden Sekunde ruhen, bis zum Tag der Nationalratswahl, um möglichst allen Menschen in unserem Land zu erklären, es ist ihre Entscheidung, in welche Richtung unser Land geht. Versinkt es in dieser schwarz-bunten Politik der Vergangenheit und der Ungerechtigkeit oder gibt es einen Aufbruch zu neuen Zeiten mit mehr Fairness und mehr Chancen für alle. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, die österreichische Bevölkerung wird eine unzweideutige Entscheidung treffen.

   (Anm. Applaus des Publikums)

Die Menschen in Österreich werden sich für ihre eigene Zukunft und damit gegen die Zukunft der ÖVP entscheiden. Die Menschen in Österreich werden sich entscheiden für ihre Chancen, gegen die Chancenvernichtung dieser Regierung. Und die Menschen in Österreich werden sich entscheiden, für die notwendige geistig-moralische und politische Erneuerung in unserem Land, die am Beginn der Zeit des Teilens steht, die am Beginn steht einer neuen sozialdemokratischen Ära.

Gemeinsam werden wir es schaffen.

Es lebe HOCH der 1. Mai."

   (Anm. Applaus des Publikums)





Bild 1: Norbert Darabos - Alfred Gusenbauer - Michael Häupl
Bild 2: Dr. Alfred Gusenbauer auf der Tribüne - 1. Mai Feier 2006, Wiener Rathausplatz;
Bild 3: Dr. Alfred Gusenbauer in Siegerpose, re: Bürgermeister Dr. Michael Häupl
alle Fotos: © R. M.

Moderator: „… In guter Tradition werde ich die Maikundgebung - einer Maikundgebung der Geschlossenheit, der Kraftbekundung und des Siegenswillens - mit dem Lied der Arbeit beenden.“Es folgte das Absingen des Liedes der ArbeitText => Klick</p>