Wien

Trauerpredigt Kardinal Schönborn für Kurt Waldheim:

Foto Kardinal Schönborn; © Wien-konkret

Foto Kardinal Schönborn; © Wien-konkret

Liebe Familie des Verstorbenen! …
Liebe Mitfeiernde in dieser Stunde des Gebets!
Liebe Brüder und Schwestern!

Schließ ohne zögern Frieden mit Deinem Gegnern, solange Du noch mit ihm auf dem Weg bist zum Gericht. Jesu Wort steht heute als erste Aufforderung hier vor uns als Wort, an dem wir nicht leicht vorbei kommen. In seinem letzten Wort bittet der Verstorbene alle jene, die ihm kritisch gegenüber gestanden sind, ihre Motive noch einmal zu überdenken und mir – wenn möglich – eine späte Versöhnung zu schenken. Und er fügt das berührende Wort hinzu „vielleicht ist auch dies durch meinen Weggang von der Erde leichter geworden“.

Versöhnung hat Vorrang vor allem. Selbst der Dienst am Altar kommt später. Versöhne Dich, bevor Du vor Gott hintrittst. Die Sache der Versöhnung ist dringend. So dringend, so groß ist ihr Stellenwert, dass die Sprache Jesus in der Bergpredigt – aus der das heutige Evangelium stammt – hart wird. Da ist nicht die liebevolle, alles verstehende, alles verzeihende Darstellung des Gottesbildes, an das wir nur allzu gerne gewöhnt sind. Das klare und aufs erste unbarmherzige klingende Worte: „Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Und wer zu ihm sagt: „Du gottloser Narr“, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.“
Nicht nur der Mord ist von der Tora verboten, sondern selbst der Zorn. Die aburteilenden Worte, das verächtliche Reden über den anderen. Wie absolut notwendig Versöhnung ist, zeigt das Gewicht der Sanktionen, mit denen Jesus die Unversöhnlichkeit belegt: Gericht, Strafe, ja …. 
Ich meine wir brauchen die Klarheit dieser Sprache, denn kaum etwas fällt uns schwerer, als Versöhnung.

Vor uns liegt ein Mensch in seiner Vergänglichkeit, der uns dafür ein starkes, großartiges Zeichen gesetzt hat. Am Ende seines Lebens hat er in einer fast beispiellosen Weise um Versöhnung gebeten. Wozu wollte er die Versöhnung? Nicht mehr um sein Leben zu erleichtern, nicht mehr weil er sich davon etwas erwarten konnte, nicht mehr zustimmungs-, sympathie-, lob-heischend, sondern aus dem Bedürfnis – schon unterwegs zu seinen Richtern – dem tiefsten Gebot des christlichen Lebens zu entsprechen. Er hat sein Versöhnungsangebot, nein seine Versöhnungsbitte, nicht mit dem verbunden, was uns so Nahe liegt – mit einem letzten Angriff auf die Andersdenkenden oder mit persönlichen Freisprüchen. Mit seinem letzten Worten wird ein tiefes Wissen um das spürbar, was unsere Welt heller machen könnte: die bedingungslose, erwartungsfreie Versöhnung.

Schaffen wir das? Ist dieser Anspruch des Evangeliums nicht eine maßlose Überforderung. Ist dieser Anspruch Kurt Waldheim gelungen? Was sagt uns ein Blick auf seinen Lebensweg?

Zwei Besonderheiten fallen auf. Wir haben sein Leben herausgehoben, aber auch belastet. Da ist zuerst die große Spannweite seines Lebens, alles Lichte und Dunkle  von fast 89 Jahre hinweg. Er hat – wie er selbst am Ende seines Lebens schreibt – den Lebensbogen von Krieg zu Frieden, von der Diktatur zu Freiheit, von Armut zu Wohlstand weiter ausgemessen – auszumessen gehabt -  als es unter dem Schicksalsbogen eines Menschen gewöhnlicher Weise Platz findet. Und da ist anders als das enorme Spannungsfeld von Interessen und Hoffnungen so vieler Völker, Nationen, Machthabern zwischen den Fronten so vieler Konflikte in dem der Verstorbene – wie kaum ein anderer Sohn dieses Landes exponiert und gefordert hat. In Mitten dieser Widersprüche und Gegensätze zu leben und Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung zu bringen, all das macht verwundbar, hinterlässt Wunden. Niemand lebt gefährlicher, als der Vermittler, der Versöhner, der Friedenssuchende.

Ich glaube niemand, nicht einmal seine leidenschaftlichsten Kritiker werden bestreiten, dass der Verstorbene nach der Erfahrung von Diktatur und Krieg, von Not und Elend, sein Leben ganz auf Versöhnung gesetzt hat, in seiner Berufsentscheidung, in seinem jahrzehntelangen Wirken für Österreich und der Völkergemeinschaft, das der Heilige Vater in seinem Kondolenztelegramm noch ausdrücklich und dankbar gewürdigt hat. Er hat früher als andere erkannt, dass Frieden und Gerechtigkeit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit untrennbar sind. Es mag schon sein, das er vielleicht auch dort noch zu versöhnen, zu verbinden, belastendes auszuklammern versucht hat, wo Unversöhnliches gegeneinander steht und auch als unversöhnlich stehen gelassen werden muß. Aus dieser Leidenschaft ist ihm viel Leid gewachsen, das sein Leben überschattet hat. Kurt Waldheim stand mit seinem eigenen Leben, seiner Aufgabe als Friedenssucher, wie kaum ein Zweiter im Kreuzfeld einer menschlichen und politischen Grundfrage:

Der Frage „Wie viel vergessen –„ und wie viel bewahren der Mensch braucht?“ Am Ende seines tragischen Lebens sagt König Lear zur wieder gefundenen Tochter Cornelia: „Pray you now, forget and forgive“.

Ja ich bitte Euch nun: Vergeßt und vergebt.
Braucht es wirklich beides? Ich glaube schon, aber im rechten Maß. Würden wir uns an alles Böse erinnern, dass in unserer Geschichte lastet, wir könnten nicht leben.
In vielen Friedensverträgen der Vergangenheit ist deshalb den Gegnern das Vergessen aller Gräuel als Pflicht aufgetragen. Aber umgekehrt gilt auch: Würden wir alles vergessen, was falsch, was böse war, wir wären keine Menschen, wir könnten  nichts bedenken und nichts Lernen. Wir hätten keine Vergangenheit und damit auch keine Zukunft. Es geht also wirklich um das rechte Maß. Wir müssen das vergessen, was uns entzweit und das behalten, was uns verbindet. Versöhnung kann nicht verordnet werden. Es ist kein Anruf, der von außen erzwungen werden kann. Er muß von innen kommen. Und er braucht den Raum der Gnade. Ja, ohne den Raum der Gnade ist Versöhnung nicht möglich. Der Apostel Paulus sagte es in der heutigen Lesung „seid gütig zu einander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott durch Christus vergeben hat.“ Weil uns schon vergeben ist, können wir vergeben. Weil wir im Glauben die unvergleichliche Größe und Gewissheit haben, dass wir seine geliebten Kinder sind, … können wir ihm auch vertrauensvoll unser Versagen und Schuld anvertrauen.

Wie oft habe ich in den letzten Jahren vom Verstorbenen diese Worte gehört: „Ich hätte das alles nicht ertragen können, ohne den Glauben.“

Glaube aber heißt Vertrauen, Wissen um die Geborgenheit bei dem, von dem Paulus sagt, dass er uns geliebt hat und sich für uns hingegeben hat.

Müßte nicht die Regel des Umgangs untereinander nicht die sein, die üblich ist „Wie Du mir, so ich Dir!“, sondern „Wie Gott mir, so ich Dir!“
So wie Gott mich annimmt, so will ich es anderen gegenüber versuchen. In einer gnadenlosen Beschuldigungsgesellschaft ist es so schwer Schuld und Versagen ehrlich zu thematisieren, weil der notwendige Raum des Wohlwollens fehlt. Ohne ihm wird Selbstrechtfertigung zum Überlebenszwang. Wie befreiend sind da die Worte vom Glauben getragen, die der Verstorbene uns hinterlassen hat. …

Wir beten auch für seine über ein halbes Jahrhundert – 64 Jahre waren sie ein vorbildliches Ehepaar – eine Familie, die einander Halt gegeben hat. Ohne die Gnade dieser glücklichen Ehe wäre die Last der Ämter und noch mehr die Last  ungerechter Beschuldigungen nicht zu ertragen gewesen. Es war ein schönes Zeigen der Gnade Gottes, dass Kurt Waldheim im Kreise seiner geliebten Familie sterben konnte. Seiner Witwe gilt meine besondere Anteilnahme und mein Gebet und ganz ausdrücklich, das des Heiligen Vaters, der es uns versichert hat.

So steht am Ende des irdischen Pilgerweges unseres Altbundespräsidenten vor allem Dankbarkeit: „Von Gott geführt scheide ich in großer Dankbarkeit aus diesem Leben“, so beginnt sein letztes Wort. In jenem Leben – dem Ewigen – an das er geglaubt hat, in das er jetzt versöhnt und in Frieden heimgekehrt ist, wird er uns nicht vergessen, nicht sein vielgeliebtes Österreich du nicht die vielen Völker und deren Nöte und Sorgen.

Uns aber Brüder und Schwestern, die wir noch auf dem Weg sind, gilt das drängende Wort Jesu, der unbedingte Dauerauftrag zur Versöhnung, von der uns der Verstorbene nachdrücklich einlädt, gemäß dem drängenden Wort Jesu: „Schließ ohne Zögern Friede mit Deinem Gegner, solange du mit ihm auf dem Weg zum Gericht bist“. Noch ist es Zeit.

Amen.