Wien

* 27.1.2009: Antwort von DI Brezansky (Wiener Umweltanwaltschaft)

Sehr geehrter Dr. Roland Stocker !
Sehr geehrte DI Dr. Max Götz!
 
Danke für ihre mail und ihr Engagement zum Thema Mobilfunk!
 
Betreffend meiner angeblichen Behauptung, dass die höchsten in Österreich je gemessenen Sendemastenstrahlungen in etwa 12.000 µW/m² (12mW/m²) gewesen wären  möchte ich  darauf hinweisen, dass ich solch eine Aussage in der von ihnen interpretierten Weise sicher nicht gemacht habe. Schon alleine deshalb, da mir keinerlei flächendeckenden Messungen bzw. Messergebnisse für ganz Österreich bekannt sind. Ich habe mich in meinen Ausführungen auf die mir bekannte Wiener Situation bezogen und hier vor allem auf die Vorgabe der Stadt Wien eines Vorsorgewertes von 10mW/m² Leistungsflußdichte ( zum Vergleich: die derzeitigen Grenzwerte der ICNIRP bzw. der EU-Ratsempfehlung liegen bei 9.000 mW/m² für einen Frequenzbereich von 1800 MHz bzw. 4.500 mW/m²  bei einem Frequenzbereich von  900MHz ).  Wie ich auch ausgeführt habe, gilt die Vereinbarung der Einhaltung dieses Wertes nur zwischen den Vertragspartnern Wiener Wohnen und den jeweiligen Mobilfunkbetreibern auf privatrechtlicher Basis. Somit auch nur für Mobilfunkanlagen, die auf Häusern der Stadt Wien errichtet werden. Eine generelle Regelung ist nicht möglich, da es keine gesetzliche Grundlage für entsprechende Grenzwertregelungen in Österreich gibt. Bei Kontrollmessungen wurde prinzipiell diese Vorgabe flächendeckend eingehalten und in den meisten Fällen weit unterschritten. In einigen wenigen Fällen kam es zu Werten, die etwas über den 10mW/m² lagen. Der Grund war in diesen Fällen das Zusammentreffen der Strahlung von einer zweiten oder dritten Mobilfunkanlage am Immissionsort, die aber nicht auf einem Gebäude der Stadt Wien situiert waren und somit auch nicht im Verantwortungs- und Regelungsbereich von Wiener Wohnen lagen. In solchen Fällen kann es durchaus zu Werten kommen, die über den 10mW/m² liegen.
 
In meinen Ausführungen habe ich zur Immissionssituation der Mobilfunkstrahlung in Wien festgestellt, dass zahlreiche Messungen, nicht nur von Anlagen die der Wiener Regelung unterliegen, ergeben haben, dass die Werte grundsätzlich in den meisten Fällen weit unter den 10mW/m² lagen. Dabei wurden aber auch an einzelne Immissionspunkte, die im Einflussbereich mehrere Mobilfunkanlagen liegen und deren Haupstrahlrichtungen sich kreuzen auch Werte gemessen, die darüber liegen. Wobei hier Leistungsflußdichten im Einzelfall von über 20mW/m² durchaus realistisch sind. Ich selbst habe lediglich Spitzenwerte im Bereich von bis zu 12mW/m² gemessen.
 
Zu Immissionsmessungen ist prinzipiell auch festzustellen, dass diese sofern sie nicht kontinuierlich über 24h durchgeführt werden, nur Momentaufnahmen sind, die über den Tag sehr stark variieren, je nachdem wie viel Teilnehmer gerade über eine Mobilfunkanlage telefonieren. In der Nacht ist daher die Belastung auch wesentlich geringer als zu jenen Tages bzw. Abendzeiten an denen mehr telefoniert wird. Der Wiener Vorsorgewert definiert sich daher auch als  Stundenmittelwert jener Stunde am Tag (der sog. „busy hour“) an der am meisten telefoniert wird.
 
Zur Grenzwertdiskussion möchte ich ihnen gerne noch folgenden pragmatische Überlegung mitgeben, die für Grenzwertregelungen im Umweltbereich allgemein Gültigkeit hat, sofern hier nicht eine eindeutige Ursachen Wirkungsbeziehung nachgewiesen ist. Es ist bei der Grenzwertdiskussion zu berücksichtigen, dass die Festlegung eines Vorsorge- bzw. Beurteilungsrichtwertes, im Sinne einer präventivmedizinischen Maßnahme, dazu dient, um Immissionen, deren gesundheitliche Auswirkungen auf den Menschen noch sehr umstritten sind vorsorgend auf ein Mindestmaß zu beschränken. Daher basieren solche Vorsorgewerte nicht auf gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern sind das Ergebnis und der Konsens eines momentanen Diskussionsprozesses auf medizinischer, gesellschaftspolitischer und technischer Ebene. Deshalb dürfen solche Werte auch nicht als absolute Grenzwerte verstanden werden, bei deren geringste Überschreitung gesundheitliche Schäden zu erwarten sind und deren Unterschreiten eine absolute Unbedenklichkeit garantiert. Sie dienen lediglich dem Zweck einer Beurteilung, ob Immissionen aus einer Anlage im Sinne dieses Konsenses vorsorglich tatsächlich soweit als möglich begrenzt wurden.
 
Abschließend möcht ich festhalten, dass die Wiener Umweltanwaltschaft sich bereits seit ihrer Einrichtung vor mehr als 15 Jahren sehr kritisch mit der Thematik des Mobilfunks auseinandergesetzt hat. Wir haben auch immer wieder auch auf die demokratiepolitisch bedenkliche Dimension hingewiesen, wie mit den betroffenen BürgerInnen ohne Mitspracherecht hier umgegangen wird. Auf Grund der langjährigen Beschäftigung mit dieser Problematik und im Austausch mit kritischen Wissenschaftlern und Ärzten sind wir leider der Meinung, dass wir weit entfernt von einem vorsorgenden Umgang mit dieser immer noch zu wenig erforschten Technologie, hinsichtlich möglicher gesundheitlicher Langzeitfolgen sind. Durch die Anwendung verschiedener drahtlosen Funktechnologien im täglichen Leben erhöhte sich ständig die Belastungen hochfrequente elektromagnetische Felder in unserem Lebensbereich, sofern wir nicht selbst kritisch auf die eine oder andere Anwendung verzichten. Unser mittlerweile sehr pragmatischer Ansatz besteht darinnen, immer wieder auf die möglichen Gefahren hinzuweisen, einen möglichst bewussten Umgang mit mit dem Handy zu empfehlen (im besonderen bei Kleinkindern!), auf diverse Funktechnologien im  eigene Wohnbereich möglichst zu verzichten und immer wieder an den Gesetzgeber heranzutreten und Lobbying für eine vernünftige gesetzliche Regelung gemeinsam mit anderen Institutionen zu betreiben. Auch stehen wir im Rahmen unserer Möglichkeit gerne den Bürgern und Bürgerinnen mit Rat und Tat  zur Seite. Wir beobachten genau die laufenden Forschungen und deren Ergebnisse. Diese lassen aber leider nach wie vor keine Entwarnung zu, auch wenn die Mobilfunkbetreiber dies immer wieder reflexartig behaupten. Wir möchten aber auch keine unnötige Panik erzeugen. Jene Immissionen  hochfrequenten elektromagnetischen Felder, die durch Mobilfunkanlagen verursacht werden und die wir nicht selbst vermeiden können sind derzeit glücklicherweise in den meisten Fällen, vor allem im städtischen Bereich noch relativ niedrig. Mögliche gesundheitliche Auswirkungen, die oft elektromagnetischen Feldern zugeschrieben werden, sind oftmals andere Umweltfaktoren anzulasten die hier oft viel direkter und unmittelbarer auf die Gesundheit des Menschen nachteilig einwirken, wie die Luftschadstoffe Feinstaub, Stickoxide, erhöhte Ozonbelastung  sowie Lärmemissionen. Wir verkenne allerdings auch nicht , dass gerade bei so einem Cocktail verschiedener Umweltbelastungen vielleicht verbunden mit einem dadurch bereits geschwächten  Immunsystem,  zusätzliche Umweltbelastungen durch elektromagnetische Felder das Fass zum Überlaufen bringen und gesundheitliche Beschwerden auslösen können. Daher  hat für uns der Grundsatz eines vorsorgenden Gesundheitsschutzes, gerade dort, wo Hinweise für eine mögliche gesundheitliche Beeinträchtigung gegeben sind aber eine abschließender eindeutiger wissenschaftlicher Befund noch nicht vorliegt, oberste Priorität.
 
Für weitere Informationen verweise ich auf das Positionspapier zum Thema Mobilfunk hinter dem alle Umweltanwaltschaften Österreichs stehen und das zugleich ein Forderungskatalog an den Bundesgesetzgeber ist, sowie das im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft erstellte Gutachten zum Thema „Mögliche gesundheitliche Auswirkungen elektromagnetischer Felder im hochfrequenten Bereich des Mobilfunks und anderer drahtloser Funkdienste“ erstellt von Univ.-Prof. Dr. Michael Kundi und Univ.-Ass. Dipl.-Ing. Dr. med. Hans-Peter Hutter. Sie finden das alles auch auf unserer Hompage:
http://wua-wien.at/home/umwelt-und-gesundheit/mobilfunk/
 
 
Mit freundlichen Grüßen 
Alfred Brezansky
  
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DI Alfred Brezansky
Stv.Leiter der Wiener Umweltanwaltschaft

Muthgasse 62
1190 Wien
01-4000/88986
alfred.brezansky@wien.gv.at
http://www.wua-wien.at
 



Schreiben der BI Wien-Hadersdorf an den Wiener Umweltanwalt DI Brezansky

An die
Wiener Umweltanwaltschaft
zu Händen Herrn
Dipl. Ing. Alfred Brezansky
Muthgasse 62, Riegel F
1190 Wien

Kopie an die Verantwortlichen Damen und Herren der Medien, siehe E-Mail-Verteiler

Wien, am 26.1.2009

Sehr geehrter Herr DI Brezansky!
Sehr geehrte Damen und Herren der Medien!

Nochmals herzlichen Dank für Ihre Teilnahme an der Diskussion: Kranker Mobilfunk – Brauchen wir wirklich Multimedia via Funk? am 27.11.2008 im Schweizerhaus in Hadersdorf. Da Publizität sicher auch im Interesse Ihres Institutes ist, erlauben wir uns, diesen Brief auch an die oben genannten Medien in Kopie zu senden.

Sie haben im Rahmen Ihrer Ausführungen die Behauptung aufgestellt, dass die höchsten in Österreich je gemessenen Sendemastenstrahlungen in etwa 12.000 µW/m² gewesen wären. Und es klang so, als sei das der Höchstwert von vielen Messungen ernstzunehmender Messender, Institute und Wissenschaftler gewesen. Und es wurde uns von Ihnen dies so vermittelt, dass diese Werte einzelne „Ausreißer“ seien und deshalb eine Vervielfachung von Krebs, Schlafstörungen, Tinnitus und anderem Mehr durch derart hohe Werte auch in Wien sehr unwahrscheinlich wäre.

Dipl. Ing. Dr. Max Götz und Ing. Heinz Schwarzer fanden schon bei kurzen Testmessungen mit geeichten Messinstrumenten während eines einzigen Vormittags in Wiener Wohngebieten gleich mehrere Stellen mit deutlich höheren Werten, davon gleich zweimal Werte weit über 20.000 µW/m²!

Folgende Fragen stehen im Raum:
* Wie können Sie sich das erklären?
* Von wem stammen Ihre von Ihnen im Rahmen der Diskussionsveranstaltung öffentlich genannten weit niedrigeren Werte?
* Liegen diese Angaben / Werte der Wiener Umweltanwaltschaft schriftlich vor oder haben Sie sich lediglich auf mündliche Angaben verlassen?
* Wie alt sind diese Angaben? Sind diese rezent oder schon mehrere Jahre alt?

Gerne laden wir Sie ein, bei Wiederholungsmessungen dabei zu sein, damit Sie sich selber respektive die Wiener Umweltanwaltschaft davon überzeugen können. Den Termin für Wiederholungsmessungen können wir kurzfristig in Absprache fixieren.

Wichtig wäre uns jedoch, dass Sie den Termin nicht im Vorhinein an Dritte weitergeben: Es besteht der Verdacht, dass informierte Kreise die Mobilfunkbetreiber anregen könnten, die Abstrahlungen zu diesem Termin zu reduzieren, um die so genannten Grenzwerte nicht zu überschreiten.

Mit freundlichen Grüßen
Für die Initiative Hadersdorf

Dr. Roland Stocker
DI. Dr. Max. Götz

roland.stocker@inode.at , initiative-Hawei@gmx.at