Wien
    

Die Alte Geschichte - Historie und Epos



Copyright: Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit der österreichischen Brauwirtschaft, Abdruck honorarfrei


Begonnen hat alles mit einer Frau. Einer wunderschönen Frau. Ihr Name war Ninkasi und geschickt wurde sie von Gilgamesch, dem sagenumwobenen Halbgott und Herrscher über Uruk. Damals gab es noch nicht sonderlich viele zivilisierte Menschen, dafür reichlich zottelige, affenartige und ziemlich flegelhafte Wesen zwischen Tier und Mensch. Die wussten sich nicht viel mehr anzufangen als etwas stupid auf der Steppe zu grasen. Gilgamesch – offensichtlich gerade in guter Stimmung - wählte Enkidu, einen dieser reichlich dumpfsinnigen Zeitgenossen, als Diener. Vor seinem Dienstantritt sollten Enkidu aber noch Manieren beigebracht werden – und zwar von der, bereits erwähnten, wunderschönen Ninkasi, ihres Zeichens Dirne.

Im Gilgameschepos wird uns folgende Begebenheit geschildert:
Enkidu weiß nicht, wie man Brot isst, versteht es nicht, Bier zu trinken. Da tat die Dirne ihren Mund auf und sprach zu Enkidu: "Iss das Brot, Enkidu, das ist das Leben, und trinke Bier, wie es Brauch ist im Lande."  Enkidu aß das Brot, bis er satt war, und trank Bier, sieben Krüge voll.
Da entspannte sich sein Inneres und sein Herz frohlockte, sein Antlitz strahlte und er wurde heiter. Er wusch sich den zottigen Leib und salbte sich mit Öl  und ward ein Mensch.

Diese Geschichte lehrt uns, womit sich die Kulturvölker um 3000 vor Christi selbst als menschlich definiert haben: nämlich dadurch, dass sie Brot und Bier genießen. Die wichtigste Information, die das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten Erzählungen der Menschheit, über Bier gibt, ist also seine kulturstiftende Wirkung.

Für die schöne Dirne Ninkasi zahlte sich die Bekehrung des Urmenschen Enkidu übrigens aus: Ihr wurde eine Hymne gewidmet und sie schaffte sogar den steilen Aufstieg zur Göttin: Es war ein Team von Archäologen der Universität Yale, das außerhalb Kairos eine 4500 Jahre alte Bäckerei und Brauerei ausgegraben hat. Außer Steinkrügen und Getreidelagern entdeckten sie Steintafeln mit Hieroglyphen. Eine dieser Tafeln enthält eine Beschreibung des Brauprozesses und eine Hymne an die Bier-"Göttin Ninkasi". Tatsächlich datieren die ältesten nachweisbaren Überlieferungen für die Bierherstellung aus dem 4. Jahrtausend vor Christi Geburt aus dem Lande der Sumerer.

Dieses Gebiet, auch Zweistromland genannt, lag zwischen Euphrat und Tigris. Wahrscheinlich entdeckten die Sumerer, oder sogar deren Vorfahren, ganz genau weiß das heute niemand mehr, den Gärungsprozess durch einen Zufall. Wie sich das ganze zugetragen hat, ist nicht sicher. Es könnte etwa sein, dass man einem kranken Menschen das Schlucken erleichtern wollte und ein Stück Brot in einem Krug Wasser eingeweicht hat. Der Krug wurde ein paar Tage vergessen und nach kurzer Zeit begann das Brot zu gären. Vielleicht war es ja auch dieses berauschende Getränk, das die Sumerer zu Spitzenleistungen antrieb. Immerhin waren sie es, die unter anderem die Schrift entwickelten.

Einige hundert Jahre später sah sich der altbabylonische König Hammurabi (1728 – 1686 v. Chr.) bereits dazu veranlasst, zum Schutz seiner Untertanen strenge Brau- und Ausschankregeln zu erlassen. Im Pariser Louvre kann die in Keilschrift verfasste Gesetzesstelle besichtigt werden, deren Paragraphen 108-121 die älteste überlieferte Schankordnung der Welt darstellen. Verboten war etwa Preistreiberei oder das Verpantschen und Verdünnen von Bier. Manche archäologischen Funde lassen gar vermuten, dass bereits 7000 bis 10.000 vor Christi erste bierähnliche Gebräue gepantscht wurden.

Die Ägypter hatten bereits eine erstaunlich breite Auswahl an Biersorten. Im Land am Nil gab es im 1. Jahrtausend vor Christus bereits 20 verschiedene Sorten. Bier war zudem auch Kultmittel. Priester tranken es vor und während religiöser Handlungen, den Pharaonen wurde Bier mit ins Grab gegeben. Sie sollten auf der Reise ins Jenseits nicht an Durst leiden.

Wie wohltuend Bier für Körper, Geist und Seele ist, wussten Weise bereits vor beinahe 2000 Jahren. Damals stellte etwa der griechische Philosoph Plutarch fest: "Bier ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste." Wie recht er doch hatte.

Und noch ein paar Jährchen später, im Mittelalter, stellten Edelmänner fest, dass Bier dank seiner Inhaltsstoffe nicht nur gesund ist und das Leben verlängert, sondern Bier-Trinksitten das Leben sogar retten können: Da es damals nämlich durchaus üblich war, politischen Gegnern während eines Trinkgelages tödliches Gift ins Getränk zu mischen, erfand man den Brauch des Anstoßens. Die Bierkrüge aus schwerem Zinn wurden so herzhaft gegeneinander gestoßen, dass das Bier aus dem eigenen Krug in jenen des Gegenübers schwappte – und vice versa. So konnte man ziemlich sicher sein, dass einem jemand, mit dem man anstößt, kein Gift unterjubelt.

Copyright: ottakringer.at