Wien
    

Das 19. Jahrhundert

In den Koalitionskriegen wurde Wien von Napoleon gleich zweimal eingenommen, einmal 1805 und einmal 1809. Die erste Eroberung war jedoch kampflos: Drei französische Marschälle kamen mit weißer Fahne über die Taborbrücke, die damals einzige und stark verteidigte Donaubrücke, und überzeugten den österreichischen Befehlshaber, dass der Krieg eigentlich schon vorbei sei. In der Zwischenzeit konnte die französische Armee ungehindert einziehen und wurden von der Bevölkerung eher neugierig als ablehnend begrüßt. Napoleon ließ denn auch 10.000 Männer der Wiener Nationalgarde bewaffnet und überließ ihnen später bei seinem Abzug wieder das unbeschädigte Waffenarsenal. Die zweite Besetzung Wiens hingegen gelang nur nach schwerem Beschuss. Kurz darauf hatte aber Napoleon vor Aspern seine erste große Niederlage zu verkraften.

Nachdem Napoleon endgültig besiegt war, fand in Wien vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 der Wiener Kongress statt, der die politischen Verhältnisse in Europa neu ordnete. Der Kongress war von vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen begleitet, was C. J. Fürst von Ligne zum berühmten Satz veranlasste: "Der Kongress tanzt, aber er geht nicht weiter" ("Le congres danse beaucoup, mais il ne marche pas"). Diese Veranstaltungen kosteten Österreich viel Geld, wie auch dem folgenden Spott über die wichtigsten Teilnehmer zu entnehmen ist:

    Alexander: liebt für alle
    Friedrich Wilhelm: denkt für alle
    Friedrich von Dänemark: spricht für alle
    Maximilian von Bayern: trinkt für alle
    Friedrich von Württemberg: frisst für alle
    Kaiser Franz: zahlt für alle

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts kam es zu einer intensiven Industrialisierung, 1837 kam der Anschluss ans Eisenbahnnetz.

Die französische Februarrevolution 1848 wirkte sich auch in Wien aus. Am 13. März brach die Märzrevolution aus, die Metternich schließlich zum Rücktritt zwang.

1850 wurde die Stadt erweitert, indem vor allem der Bereich innerhalb des Linienwalls eingemeindet und in Bezirke unterteilt wurde. Auf diese Weise wurde die bisherige Stadt zum I. Bezirk, alle bisherigen Vorstädte zu den Bezirken II-IX. 1858 wurden die Befestigungsanlagen geschleift und an ihrer Stelle die Ringstraße gebaut, die mit Monumentalbauten gesäumt wurde. Vom "Ringstraßenstil" (Historismus) ist Wien architektonisch entscheidend geprägt. Diese Zeit gipfelte in der Weltausstellung 1873, unmittelbar nach der der große Börsenkrach erfolgte, mit dem die Gründerzeit zu Ende ging.

1861 gewannen die Liberalen die ersten (relativ) freien Wahlen nach Ende des Neoabsolutismus.

Nach der großen Überschwemmung von 1830 hatte es immer wieder Überlegungen zu einer Donauregulierung gegeben, diese wurde in den 1860-er Jahren durchgeführt. Die vielen verästelten Seitenarme der Donau wurden abgegraben und ein schnurgerader Hauptstrom abseits der Stadt geschaffen. Der Arm, der zur inneren Stadt führte wurde in verengter Form belassen, er erhielt den (irreführenden) Namen Donaukanal.

In dieser Zeit stieg die Bevölkerung Wiens stark an, vor allem aufgrund der starken Zuwanderung. Die seit 1869 regelmäßig durchgeführten Volkszählungen zeigten schließlich im Jahr 1910 den historischen Höchstwert von 2.031.000 Einwohnern.

Um 1900 wurde Wien auch zu einem Zentrum des Jugendstils, der vor allem mit Otto Wagner und der Künstlervereinigung Secession (nach der das charakteristische Gebäude am Karlsplatz benannt wurde) verbunden ist.

Im Jahr 1890 kam es zur zweiten großen Stadterweiterung: die Vororte wurden als Bezirke XI-XIX organisiert (der X. Bezirk (Favoriten) war 1874 durch die Teilung des IV. (Wieden) entstanden). 1900 wurde die Leopoldstadt geteilt und der XX. Bezirk (Brigittenau) gegründet. 1904 wurde auch noch Floridsdorf als XXI. Bezirk eingemeindet.

In diesen Jahrzehnten war Karl Lueger die führende Figur der Stadtpolitik. Ernstes sozialpolitisches Engagement sind ihm ebensowenig abzusprechen wie kommunale Verdienste (etwa die Wiener Hochquellwasserleitung oder die Schaffung des Wald- und Wiesengürtels um die Stadt), dies paarte sich bei ihm aber mit einem rabiaten und rhetorisch sehr geschickt vorgetragenen Antisemitismus.

Weblinks
    * Das europäische Mächtesystem nach 1815
    * Geschichte des Donauhochwasserschutzes in Wien