Wien

Aquella Wien ermöglicht noch spezifischere Anti-Feinstaubmaßnahmen

Feinstaub in Wien

StR. Mag.a Ulli Sima und Prof. Hans Puxbaum bei der Präsentation der Ergebnisse der "Aquella-Studie"

Die Stadt Wien setzt seit Jahren konsequent Maßnahmen gegen Feinstaub. "Wir sind bereits in den verschiedenen Bereichen wie Winterdienst, Verkehr, Raumwärme und Baustellen aktiv. Dank der Ergebnisse der Aquella-Studie werden künftig noch spezifischere Anti-Feinstaubmaßnahmen möglich", betonte Umweltstadträtin Ulli Sima bei der am Mittwoch stattgefundenen Präsentation der Ergebnisse der "Aquella-Studie" im Rahmen eines Mediengesprächs. Feinstaub ist ein sehr komplexes europaweites Problem, zu dessen Bekämpfung es weiterer wissenschaftlicher Grundlagen der Herkunft und Zusammensetzung braucht. Die Technische Universität Wien hat daher im Auftrag der Stadt Wien unter Federführung der Wiener Umweltschutzabteilung - MA 22 im Rahmen der sogenannten "Aquella-Studie" seit Oktober 2003 eine umfassende Erhebung der Zusammensetzung des Feinstaubs durchgeführt. Anhand dieser Studie wird detailliert analysiert, woraus der Feinstaub an den jeweiligen Belastungstagen des Jahres 2004 besteht. Im Projekt Aquella, das am Institut für Chemische Technologien und Analytik an der TU Wien durchgeführt wurde, wird eine "Makrotracertechnik" eingeführt. Dabei werden bestimmte Schlüsselstoffe analysiert, die für bestimmte Emissionen typisch sind. Je nach dem welcher Schlüsselstoff auftritt, können in der Folge Rückschlüsse auf die jeweiligen Quellen gezogen werden.

"Mit den Ergebnissen von Aquella-Wien und dem daraus abgeleiteten chemischen Massenbilanz-Modell wird man künftig noch genauer auf Verursachergruppen schließen können", so Projektleiter Prof. Hans Puxbaum von der Technischen Universität Wien.

Wien ist auf diesem Gebiet federführend, die Studie ist europaweit einzigartig. Den Untersuchungen der TU Wien haben sich auch andere Bundesländer wie die Steiermark und Salzburg angeschlossen.



Feinstaub-Analyse mit Makrotracern
Wien hat ein vorbildliches Luftgütemessnetz, PM10 wird an 13 Messstellen - verteilt über das gesamte Stadtgebiet - gemessen. Im Emissionskataster der Stadt Wien kann zwar die Höhe der Feinstaubbelastung erfasst werden, nicht aber die genaue Zusammensetzung des Feinstaubs. Zur effektiven Reduktion ist jedoch die Herkunft und Zusammensetzung des Feinstaubs von großer Bedeutung. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen "primären" Emissionen (das sind Emissionen durch Industrie- und Kraftfahrzeugabgase, Hausbrand, Abrieb, staubende Materialien, unbefestigte Fahrwege und Emissionen nach Splitt- oder Salzstreuung) und den "sekundären" Aerosolpartikeln, die aus ursprünglich gasförmigen Emissionen (NH3, SO2, NOx, organische Verbindungen) in der Atmosphäre entstehen. Diese weisen meist erhebliche Ferntransport-Anteile auf.

In Aquella wird auch das Prinzip der mehrfachen Messstellen zur Ermittlung der Anteile der städtischen Abgasfahne ("Urban Impact") eingesetzt. Die Messtellen wurden bewusst gewählt: In Straßennähe und dichtem Siedlungsraum (aktuelle städtische Belastung) fungieren die Rinnböckstraße und die Kendlerstraße als Messstellen am Stadtrand im Westen (Hintergrundbelastung) Schafbergbad und im Osten die Lobau.

Mit Hilfe der Makrotracer wurden in Wien Quellenanalysen an Überschreitungstagen (Tagen, an welchen der nominelle Grenzwert für PM10 - Tagesmittelwert von 50 µg/m³ an der Messstelle Rinnböckstraße überschritten war) durchgeführt.

Ferntransport des Feinstaubs überwiegt
Die Analyse ergab drei typische "Überschreitungsfälle" für Wien:

Fall 1: Ferntransport: Tage, an welchen die Anteile der "Ferntransportkomponenten" (Sulfat, Nitrat, Ammonium) bereits über 50% des PM10 - Anteiles - gemessen an der Rinnböckstraße - bilden.

Fall 2: Mix: Tage, an denen die Konzentration mehrerer Quellenkomponenten gemeinsam ansteigt (z.B. KFZ-Emissionen, Streusplitt, Holzverbrennung, Ferntransport, Streusalz). Charakteristisch sind dabei Ferntransportanteile, die fast gleichmäßig von West nach Ost auch an den Messstellen am Stadtrand auftreten.

Fall 3: Splitt: Tage, an denen die Streusplittanteile über 50% des PM10 - Anteiles - gemessen an der Rinnböckstraße - bilden. Charakteristisch ist dabei das verstärkte Auftreten an den straßennahen Messstellen, mit deutlich geringeren Werten an den Messstellen am Stadtrand.

Anhand der detaillierten Analyse an Belastungstagen ist ersichtlich, dass überwiegend Fall 1 (der Ferntransport) dominiert. Die anorganischen sekundären Partikel werden in der Luft aus gasförmigen Stoffen gebildet. Diese speziellen PM10- Teilchen zeichnen sich durch eine großräumige Verteilung aus, da schon die Vorläufergase über weite Strecken reisen können.

"Anhand dieser Ergebnisse kann nun noch zielgerichteter gegen Feinstaub vorgegangen werden. Vor allem bei den Überschreitungstagen im März, die eindeutig auf die Einkehraktionen zurückzuführen sind, werden die bisher bereits gesetzten Maßnahmen verstärkt. Durch die neue Winterdienstverordnung etwa konnte die Splittmenge von 33.000 Tonnen auf 17.000 Tonnen reduziert werden, zudem wird feucht eingekehrt und abriebfester Basaltsplitt eingesetzt", so Sima. Tatsache ist aber auch, dass ein Großteil der Belastung nicht hausgemacht ist und als Hintergrundbelastung vorherrscht. "Daher sind Maßnahmen über die Grenzen Österreichs hinaus unerlässlich, ein konkreter Ansatz ist die Umweltförderung des Bundes, im Rahmen derer künftig zielgerichtet Maßnahmen unterstützt werden sollen, die eine Feinstaubreduktion in unseren Nachbarländern bewirken", so Sima.

Feinstaub ist ein Winterphänomen
Deutlich ist das Überschreitungsproblem ein Winterphänomen. Tatsächlich tritt der Langstreckentransport von Partikeln überwiegend im Winter, bei kaltem Wetter und Schneedecke, verstärkt auf. Von Anfang April bis Ende September traten 2004 keine Überschreitungen des TMW von 50 µg/m³ auf. Aquella zeigt, dass nur an einzelnen Tagen die PM10-Belastung an städtischen Messstellen die Hintergrundbelastung deutlich übersteigt. Meist ist an hoch belasteten Tagen schon die Hintergrundbelastung stark erhöht.

Wetterlage ausschlaggebend für Feinstaubbildung
Die Wetterlage im Winter ist für die Feinstaubbildung maßgeblich ausschlaggebend. Lange trockene Hochwetterlagen tragen zur Bildung von PM10 bei. Dies verdeutlicht auch ein Blick auf die Feinstaubbelastung im Jahr 2003, in dem der Winter lang, kalt und trocken und die Belastung deutlich höher war als im Jahr 2004. Schneedecke und Kälte führen zu erhöhtem Ferntransport der Staubteile.

Wien aktiv gegen Feinstaub
Die Stadt Wien setzt seit Jahren zahlreiche Maßnahmen gegen Feinstaub. Im Frühjahr 2005 wurde von Umweltstadträtin Ulli Sima und Verkehrsstadtrat Rudi Schicker das 45-Punkte-Programm der Stadt Wien gegen Feinstaub präsentiert. Es umfasst die Bereiche Winterdienst/Straßenreinigung, Verkehr, Raumwärme und Baustellen. Im Winterdienst konnte durch die Winterdienstverordnung 2003 die Menge an Streugut von 33.000 Tonnen auf 17.000 Tonnen reduziert werden, es wird mit Salzsole gearbeitet. Zudem wird feucht eingekehrt, der Streusplitt wurde im März dieses Jahres in einer Rekordzeit von 3,5 Wochen eingekehrt.

Im Verkehrsbereich setzt die Stadt auf den weiteren Ausbau des öffentlichen Verkehrs, konkret mit der U1 nach Leopoldau 2006 und der U2 nach Aspern 2009. Auch das Radwegenetz wird weiter ausgebaut. Die Wiener Linien fahren seit Jahren mit Flüssiggas.

Im Bereich der Raumwärme erfolgte der intensive Ausbau der Fernwärmeversorgung, in Wien gibt es nur noch 4 % Hausbrand, 95 % der Haushalte sind bereits an staubarme Energieträger wie Fernwärme und Gas angeschlossen. Zudem fördert Wien die Solarenergie intensiv.

Bei den Baustellen werden Baustellstraßen feucht gehalten, der Fokus liegt bei den sogenannten off-road-Geräten, die ein Hauptverursacher von Feinstaub sind.

"Wir werden Mitte September ein weiteres Maßnahmenpaket präsentieren, denn nach den zahlreichen bisherigen Schritten gehen wir konsequent weiter gegen Feinstaub vor. Wien hat dank der Klimaschutzmaßnahmen schon ein sehr hohes Niveau erreicht, natürlich bleibt noch einiges zu tun", erläutert Umweltstadträtin Ulli Sima. Neben den lokalen Maßnahmen sind auch nationale gefragt, zudem bedarf es auch grenzüberschreitender Schritte, denn Tatsache ist, dass ein Großteil des Feinstaubs importiert wird, die Quellen also nicht hausgemacht sind - wie die Aquella-Studie belegt.

Text und Foto: Rathauskorrespondenz





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1.3.2011 ÖVP-Stiftner: Stadt Wien ignoriert Feinstaubbelastung der Wienerinnen und Wiener


"Die Überschreitung der Feinstaubgrenzwerte an der Messstelle Belgraderplatz zeigt, dass die Stadtregierung bei der Bekämpfung von Feinstaub weiterhin säumig ist", so der Umweltsprecher
der ÖVP Wien, LAbg. Roman Stiftner, in einer Reaktion auf eine Meldung der IG-Luft, nach der schon am 1. März die Jahresgrenzwerte der Feinstabbelastung in Wien überschritten sind.    
   Als besonders bedenklich sei dieses Messergebnis zu betrachten, da die Witterung und die Tatsache, dass derzeit eigentlich kein Winterdienst notwendig ist, der Feinstaubentwicklung eher entgegen wirkt. Trotzdem wurde heute laut IG-Luft mit der 25. Messung einer Überschreitung der Feinstaubgrenzwerte, die Jahresgrenzwertüberschreitungstoleranz überschritten. An weiteren
Messstellen stehe man unmittelbar vor einer solchen Überschreitung.
   "Es wäre daher seitens der Stadt Wien höchste Zeit, Maßnahmen gegen die Gesundheitsbelastung der Bevölkerung durch Feinstaub zu setzen", so Stiftner. Angesichts der Messergebnisse hätte die Stadtregierung schon längst dafür sorgen müssen, dass durch den zunehmenden Parkplatzsuch- und Transitverkehr, der wegen der Blockade des Nordumfahrungsprojektes immer mehr nach Wien strömt, die Luft zukünftig nicht noch stärker mit Feinstaub belastet wird.
   Neben den entsprechenden verkehrstechnischen Maßnahmen fordert Stiftner auch die Förderung eines nachträglichen Einbaus von Dieselpartikelfiltern bei Autos, um so die Feinstaubbelastung zu reduzieren. Eine weitere Forderung betrifft den Tausch von veralteten Heizsystemen: "Der Kauf feinstaubarmer Heizsysteme muss von der Stadt Wien gefördert werden. Dass die Stadtverantwortlichen diese Grenzwertüberschreitungen einfach ignorieren und sich nicht einmal zu Wort zu melden, zeigt, dass die Umweltpolitik der Wiener Stadtregierung trotz - oder gerade wegen? - der Regierungsbeteiligung der Grünen einen neuen Tiefpunkt erreicht hat", so Stiftner abschließend.

Rückfragehinweis:  ÖVP-Klub der Bundeshauptstadt Wien
   Tel.: T:(+43-1) 4000/81 916, F:(+43-1) 4000/99 819 60
OTS0271    2011-03-01/14:27

Anm.: Tipp zu => feinstaubarmen Heizungssystemen