Wien

Expertenmeinung zum Coronavirus

von einem Anästhesisten, Intensivmediziner und Wissenschafter, der anonym bleiben möchte.
 

Was wissen wir über Covid 19?

* Covid 19 wird durch ein neuartiges Virus verursacht, dass aus der Gruppe der Coronaviren stammt (SARS-CoV 2). Es ist eng verwandt mit dem MERS (Middle East Respiratory Syndrom – Coronavirus), und dem SARS (Severe Acute Respiratory Syndrom – Coronavirus).
* Die Erkrankung kann verschiedene Verläufe nehmen, von harmlosen erkältungsähnlichen Symptomen bis zu schweren intensivmedizinischen Verläufen.
* Die sogenannte CFR (Case Fatality Rate) das heißt die Sterberate der Erkrankung ist derzeit noch unklar. Die vorliegenden Daten lassen eine Rate von 0,37 % bis maximal 1,9 % der Infizierten möglich erscheinen, wobei die neuesten Daten die CFR eher Richtung unter 1 % ausweisen. Damit ist Covid 19 weit weniger gefährlich als MERS oder SARS mit Raten von 10 % bis 30 % CFR, jedoch zumindest 4x tödlicher als die durchschnittliche Influenza mit 0,1% CFR.
* Die Infektion erfolgt nach derzeitigen Erkenntnissen durch direkten mehrminütigen Kontakt mit einer infizierten Person, bevorzugt in geschlossenen Räumlichkeiten. Schmierinfektionen über Gegenstände werden für möglich gehalten, dürften jedoch nicht die Hauptansteckungsquelle sein und nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen.
* Die Inkubationszeit, d.h. die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit wird dzt. zwischen 5 bis 14 Tagen angegeben.
* Kritisch ist nach derzeitigen Daten der Zeitraum vom Tag 7 bis Tag 10 ab Beginn der Symptomatik, da es in diesen Tagen zu einer raschen und deutlichen Verschlechterung bis zur Beatmungspflichtigkeit d.h. Aufnahme auf der Intensivstation kommen kann.
* Wenn eine Erkrankung tödlich verläuft, tritt der Tod im Median ca. 14 Tage nach Symptombeginn ein d.h. man stirbt ca. 3 Wochen nach einer Infektion, weswegen sich gesetzte Maßnahmen immer erst 3 Wochen später in der Anzahl der gestorbenen Patienten zeigen können.
 

Ist Covid 19 gefährlich?

* Absolut gesehen ist Covid 19 nicht gefährlich, da 90 % der Krankheitsverläufe leicht bis moderat sind.
* Das Risiko für schwere Verläufe steigt erst ab dem 50. Lebensjahr langsam an und ist fast immer mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, koronare Herzkrankheit etc. (die jedoch ab diesem Alter fast immer mehr oder minder ausgeprägt vorhanden sind) verbunden.
* Relativ gesehen stellt aber Covid 19 eine Herausforderung für das Gesundheitssystem dar, da 10 % der symptomatisch Erkrankten (nicht zu verwechseln mit den Infizierten, diese Rate ist derzeit aufgrund fehlender Antikörpertests völlig unklar) Spitalsbehandlung benötigen. 2 % der symptomatisch Erkrankten benötigen über einen längeren Zeitraum (8 bis 14 Tage) eine komplexe Intensivtherapie und vielfach auch eine Beatmung. Hier erscheint es nach neuen Erkenntnissen extrem wichtig abzuschätzen, ab wann ein Patient beatmungspflichtig wird. Zu frühe Beatmung kann ebenso schädlich sein wie zu spät erkannte Verschlechterung tödlich endet. Diese im Unterschied zur klassischen Influenza exorbitant hohe Anforderung an die Expertise der Intensivmediziner und die damit verbundene Intensivpflichtigkeit ist die Risikozahl dieser Erkrankung (nicht die CFR!!) und hat zuerst in Oberitalien und später Frankreich Spanien sowie New York State (USA) die Spitäler massiv überfordert.
 

Welche Maßnahmen sind sinnvoll?

* Menschenansammlungen in engen geschlossenen Räumen mit langen Kontaktzeiten sollten vermieden werden. D.h. Einkaufen mit entsprechendem Abstand ist wahrscheinlich unbedenklich. Die längste Kontaktzeit entsteht zumeist bei der Kassa und kann durch organisatorische Maßnahmen minimiert werden.
* Veranstaltungen in Räumlichkeiten (Theater, Kinos, Varietes) sind schwer zu beurteilen, da es doch zu längeren Kontaktzeiten kommt. Bei entsprechender Belüftung und Abstand zwischen den Besuchern könnte auch hier das bekannte Infektionsrisiko minimiert werden.
* Der Besuch von Hallenbädern ist sicher kritisch zu sehen, Freibäder müssten eine deutliche Besucherobergrenze bezogen auf die Fläche einführen und weite Abstände in den Becken und Duschen einfordern.
* Die Maskenpflicht macht nur dann Sinn, wenn es sich um trockene frische Gesichtsmasken handelt, sinnvoller ist die Abstandsregel. Wenn die Abstände konsequent eingehalten werden, kann die ev. aufgenommene Viruslast und damit die Infektionsgefahr sicherer minimiert werden als mit Masken, die oft eine falsche Sicherheit vermitteln.
* Masken höherer Qualität (FFP 2/3) benötigt das medizinische Personal, welches nicht auf Abstand gehen kann und immer hohe Kontaktzeiten erreicht! Die Spitäler und das Gesundheitspersonal müssen besonders geschützt werden.
* Gastronomie in geschlossenen engen Räumlichkeiten ist kritisch zu betrachten, Gastgärten mit entsprechendem Tischabstand erscheinen jedoch nach vorliegenden Daten ebenfalls weitgehend unbedenklich zu sein.
* Ebenfalls kritisch zu bewerten sind Massenveranstaltungen, wo es zu längeren Kontaktzeiten auf engem Raum kommt (Sportveranstaltungen mit Zuschauern, Konzertevents, Donauinselfest, Zeltfeste, Demonstrationen etc.).

* Umfassende grenzübergreifende Reisebewegungen ohne Gesundheitskontrolle können wieder zu einer Ausbreitung der Erkrankung führen.  

* Der Besuch von Parks, Spielplätzen, Grünflächen, Freiluftsportanlagen erscheint nach derzeitigem Erkenntnisstand ungefährlich zu sein.

 

Was ist noch unklar?

* Die genaue CFR (Case Fatality Rate) ist noch völlig unklar, da durch fehlende sichere Antikörpertests die symptomlosen Verläufe und stillen Feiungen (Erkrankung ohne Symptomatik) derzeit nicht sicher erfasst werden können.
* Das unkontrollierte Zulassen einer Herdenimmunität ist bei fehlenden Daten über die Infektionsrate und der Dauer des Immunstatus ein unsicheres Unterfangen.
* Es ist noch nicht klar ob mit einem zweiten Gipfel zu rechnen ist bzw. ob das Virus mutieren wird und in welche Richtung es mutieren könnte. Diese mögliche Mutation kann sowohl gefährlicher als auch ungefährlicher werden. Dzt. erscheint das Virus stabil zu bleiben.
* Die Folgeschäden nach einer Erkrankung sind ebenfalls noch sehr rudimentär erforscht und somit unklar. Es stehen dauerhafte Neven- und Lungenschäden im Raum, auch nach weitgehend symptomarmen Verläufen.
* Ob und wann eine wirksame und vor allem sichere Impfung kommen wird ist dzt. genau so unklar wie die Identifizierung eines wirksamen Medikaments zur Bekämpfung der Erkrankung. Derzeit werden große Hoffnungen in das Medikament Remdesivir und die BCG Impfung gesetzt. Der Fehlschlag einer Chloroquin-Studie in Brasilien sollte jedoch auch hier vor zu viel Optimismus warnen.
 

Zusammenfassung:

SARS-CoV 2 (Covid 19) ist kein „Killervirus“ das die Menschheit ausrotten wird. Es ist aber auch keine gewöhnliche Grippeerkrankung, da Covid 19 das Gesundheitssystem bei massiver und ungehemmter Ausbreitung an den Rand des Zusammenbruchs führen kann.

Der vorübergehende Shut-Down war zum Erkenntnisgewinn und zum Zweck die Kontrolle über die Ausbreitung zu gewinnen sicher angebracht.

Mit den bisher gewonnenen Erkenntnissen sollte aber dieser Shut-Down nunmehr zügig aufgehoben werden und gezielten Maßnahmen zur Ausbreitungskontrolle Platz machen. Das Virus wird uns noch die nächsten Monate begleiten und man muss sehr aufpassen, dass die gesetzten Maßnahmen indirekt nicht mehr Schäden verursachen als die Erkrankung selbst.

Es muß m.E. aber auch allen klar sein, dass eine Rückkehr zur völligen Normalität noch einen längeren Zeitraum benötigen wird.

Ein Experte, der anonym bleiben möchte.